Ethik versus Ökonomie

Dieses Thema wird den einen oder anderen Arbeitgeber sicher immer mal wieder beschäftigen. Vielleicht aber auch Arbeitnehmer und auch den Privatmenschen; denn gerade in unserer stark auf die Ökonomie ausgerichteten Gesellschaft, ist es schwierig nicht immer wieder auf diese Themenpunkte zu stoßen.


Aber schauen wir uns doch erst einmal an, was Ethik und Ökonomie sind.


Bei Ethik handelt es sich um das Sittliche oder das sittliche Verständnis, aber auch Sitten oder Bräuche können damit in Verbindung gebracht werden. In der Philosophie gibt es bezüglich der Ethik verschiedene Ausrichtungen bzw. abgeleitete Disziplinen, wie die Sozial- oder Rechtsphilosophie, die sich immer wieder mit Fragen der Ethik befassen.


Die Ethik als solche ist Teil der praktischen Philosophie, das heißt dem Bereich der Philosophie, der sich mit dem menschlichen Handeln beschäftigt. Im Zentrum der Ethik steht die Frage nach dem moralischen Handeln. Die Moral besteht meist aus faktischen Handlungsmustern und Konventionen von Einzelpersonen, Gruppen oder sogar ganzen Kulturen. Wörter wie Moral, Sitte, Anstand, werden oft miteinander verbunden und als ähnlich empfunden und dementsprechend beschreibend gebraucht.


Doch wie kann man jetzt Ethik oder Moral genauer verstehen?


Durch die Möglichkeit, dass unterschiedliche Gruppen auch unterschiedliche Ethik-/ Moralvorstellungen haben können, wird uns aufgezeigt, dass wenn wir z.B. in ein anderes Land fahren, um dort Urlaub zu machen, dort eine andere Moral herrschen kann, als bei uns zu Hause.

Wir sind aufgewachsen und wurden mit einer bestimmten Moralvorstellung erzogen. Haben diese vielleicht von unseren Eltern übernommen oder irgendwann verworfen, weil wir sie als nicht für uns vertretbar gehalten haben.

Halten wir uns nun in einer anderen Kultur auf, so müssen wir uns der jeweiligen Ethik anpassen, da sonst potentiell Sanktionen drohen. Das heißt, nur weil in der eigenen Kultur / Gruppe etwas erlaubt ist, muss es nicht für alle Kulturen / Gruppen gelten.

Das Prinzip kann man auch an den jeweiligen Gesetzen erkennen. Was in einem Land verboten ist, kann in einem anderen erlaubt sein.


Es wird also deutlich, dass das Thema der Ethik nicht so ganz einfach ist. Schnell stellt sich die Frage nach dem ethischen Handeln und wie man dieses im Alltag genauer beobachten kann.


Nehmen wir mal einige Beispiele:


Man geht in den Supermarkt einkaufen um - sagen wir Kaffee zu holen. Mal abgesehen von den geschmacklichen Unterschieden sind sich alle Hersteller sehr ähnlich. Jetzt kann man sich den ganz günstigen kaufen oder man kauft sich bspw. einen Fair-Trade Kaffee. Der kostet aber dann auch gleich das vierfache von dem günstigen, jedoch werden die Arbeiter (laut Fair-Trade) menschlicher entlohnt. Es soll also ethischer gehandelt werden, damit man nicht Plantagenarbeiter in Südamerika ausbeutet, es kostet halt nur mehr.


Jemand der vielleicht nicht genügend Geld hat, für den stellt sich die Frage vielleicht eher weniger, da es einfach nur zum günstigen Produkt reicht. Selbst wenn sich die Gedanken darum drehen sollten, ist die Wahrscheinlichkeit eher gering, dass die Person, die sich den teureren Kaffee nicht leisten kann, darauf sparen wird.


Aber egal ob mit wenig oder mit etwas mehr Geld: Man steht vor einem ethischen Dilemma.

Wie man sich in dem Fall jetzt richtig verhält ist Frage des Einzelnen und kann pauschal nicht beantwortet werden.

Mit einem flapsigen „Ist doch klar, der Fair-Trade natürlich; schließlich wird damit anderen Menschen geholfen und sie werden nicht ausgebeutet“ ist es nicht getan, da das ganze Thema viel Komplexer ist, als es den Anschein hat.


Ein ähnliches Beispiel wären Produkte aus dem Bio-Anbau. Dabei könnte man sich denken, dass es ökologisch viel besser ist, Tiere und Pflanzen besser behandelt werden, als im konventionellen Anbau. Aber vielleicht steckt dahinter auch nur eine Marketingstrategie und ist gar nicht so, wie man es vermutet?


Vor einiger Zeit habe ich einen Bericht sehen können über einen Bauernhof, der so biologisch angebaut hat, dass er laut EU-Richtlinie nicht mehr eingestuft werden konnte. Das heißt er viel dermaßen aus dem Rahmen und hat so ökologisch gewirtschaftet, dass man dort kein EU-Biosiegel verteilen konnte.


Für den Bauern wird das ein ziemlich herber Schlag gewesen sein. Er hat seine Arbeit so gut gemacht, dass es dafür keine Kategorie mehr gab und deswegen erst gar kein Siegel bekommt.

Das wäre so, als hätte man in der Schule seine Arbeiten so gut abgeliefert, dass man sie nicht bewerten könnte und deswegen kein Zeugnis für das Jahr bekommt.


In dem Fall würden sich mehrere Fragen stellen: Wenn der Bauer so ökologisch wirtschaften kann, dass er noch besser ist, als die die das Siegel bekommen haben, warum können das andere Bauern nicht? Wenn jemand so gut arbeitet, warum wird dann nicht noch eine höhere Kategorie erstellt, damit er ein anderes Siegel bekommen und seine Produkte vertreiben kann?

Ist es ethisch vertretbar jemanden der seine Arbeit ausgezeichnet abliefert, sogar höher als das geforderte, aufgrund von Kategorisierungen abzustrafen?


Solche und ähnliche Beispiele des Alltags gibt es zuhauf, auch wenn sie uns nicht immer direkt anspringen.


Doch was, wenn man z.B Arbeitgeber ist, es sich also nicht um ein privates Denkvergnügen handelt, sondern sich durch sein Verhalten sofortige Lebensverhältnisse ändern?


Nehmen wir ein Beispiel: Man ist Chef einer Firma, die Aufträge laufen gut und der Verdienst der Angestellten ist auch überdurchschnittlich. Das liegt daran, dass in dem Bereich ein Fachkräftemangel herrscht und man jeden Arbeiter in dieser Branche benötigt.

Jetzt hat man aber einen seiner Freunde eingestellt, den man schon viele Jahre kennt. Natürlich wird da immer mal wieder das Thema der Extrabehandlung auftauchen, weil das schnell zur Hand ist, wenn etwas nicht stimmt – selbst wenn es ungerechtfertigt ist.


Doch wie geht man vor, wenn der Freund zwar seine Arbeit macht, aber vielleicht nur halb so schnell wie alle anderen? Da Fachkräftemangel herrscht wird man ihn zwar darauf hinweisen, aber wahrscheinlich dennoch in der Firma belassen, da man, auch wenn es sich nur um eine halbe Arbeitskraft handelt, sie benötigt.


Was aber, wenn nicht nur dadurch, sondern auch durch die Person selbst, Unruhe und Missmut in die Firma gelangt? Viele würden sagen, dass es sich schließlich um einen Freund handelt, den kann man nicht raus werfen. In dem Punkt würde die Ökonomie sagen, raus mit der Person, auch wenn man die Arbeitskraft benötigt. Der Arbeitswille der anderen Arbeitnehmer würde dauerhaft geschwächt und das gesamte Betriebsklima leidet darunter. Lieber eine Arbeitskraft weniger, als dauerhafte Probleme durch die selbige.


Die Ethik hingegen könnte sagen „Hey, der Freund, das ist doch so was wie Familie, den kannst du nicht raus werfen, du musst versuchen ihn zu unterstützen“.

Gleichzeitig müsste aber auch die Ethik der Person, die Unmut in die Firma bringt, greifen und sagen „Hey, dein Freund ist zwar dein Chef, aber du solltest dich nicht benehmen, wie die Axt im Walde.


Doch wir sprechen hierbei immer noch von der kulturellen Ethik, also der die in bestimmten Gruppenkreisen gültig ist. Hat nun der Arbeitnehmer über Jahre seine frühere Ethik verworfen, so kann es sein, dass ihm die allgemeingültige Ethik egal ist und er sie auch nicht mehr auf seinen Freund bezieht. Es entsteht ein Ethikkonflikt, der aus verschiedenen Richtungen auftritt.


Am Ende steht der Chef da und muss eine Entscheidung treffen, die Vordergründig nach einer ökonomischen Entscheidung aussieht, aber viel komplexer ist.


Nehmen wir ein weiteres Beispiel, um einen anderen Blickwinkel zu erkennen.


Ein Arbeitnehmer, noch in der Probezeit, wird krank und zwar so, dass der Hausarzt ihn immer wieder ins Krankenhaus einweist und er mehrere Wochen am Stück nicht arbeiten kann. Bevor die Krankenkassenzahlung greift (also ab der sechsten Woche) wird darüber diskutiert, ob der Arbeitnehmer gekündigt werden sollte, wozu der Arbeitgeber im Recht wäre.

Nun kommen diverse Argumente zum Vorschein, wie „Er ist eine schlechte Arbeitskraft“, „Er hat sich nicht bewiesen“, „Was wenn er später auch immer wieder krank wird und er weitere Kosten verursacht?

Das sind rein ökonomische Argumente, doch sollte man als Arbeitgeber den menschlichen Faktor nicht vergessen.


Der Arbeitnehmer liegt währenddessen im Krankenhaus und macht sich Gedanken, ob er bald gekündigt wird, obgleich er nicht einmal weiß, dass über ihn auf der Arbeit gesprochen und verhandelt wird. Zwar meldet er sich jede Woche um seinen weiteren Verlauf anzukündigen, damit der Arbeitgeber weiß, wie es dem Arbeitnehmer geht und wann er mit ihm wieder rechnen kann, doch im Hinterkopf hat er immer die drohende Kündigung.

Das dieser psychische Stress nicht sonderlich gut für den schnellen Heilungsprozess ist, muss ich nicht erwähnen.


Doch wie wird sich der Arbeitnehmer wohl fühlen, wenn er während seiner Krankheit gekündigt wird? Für die meisten unserer Krankheiten können wir nichts bzw. können dann nur dem Rat der Ärzte folgen, um schnell wieder gesund zu werden. Wenn die Heilung aber nun langsamer von statten geht, als gewohnt, dann kommt der psychische Druck hinzu, der es dem Arbeitnehmer nicht einfacher macht.

Der Arbeitgeber hingegen hat zum einen die wirtschaftliche Situation im Sinn, denn bis zu sechs Wochen fehlt eine Arbeitskraft, die dann diese Zeit lang auch noch bezahlt werden soll und zudem muss die fehlende Arbeitskraft ersetzt werden. Entweder durch Mehrarbeit der anderen Angestellten oder durch eine temporäre, neue Arbeitskraft.


Außerdem stellt sich dem Arbeitgeber die Frage wie wohl die Zukunft aussehen wird mit dem Arbeitnehmer.


Genau an dem Punkt wird es schwierig, denn es gibt einfach sehr viele Pro- und Contrapunkte die eine Rolle spielen.

Es könnte sein, dass der Arbeitnehmer auch in Zukunft immer wieder sehr krank wird und man ihn ab einem bestimmten Punkt nicht mehr entlassen könnte. Das würde bedeuten, dass Kosten verursacht werden, die der Kalkulation nicht gut tut und für die eine belastbarere Arbeitskraft eingestellt werden könnte. Das wäre also eine nicht so sonderlich gute Situation, weder für den Arbeitgeber, noch für den Arbeitnehmer.

Es könnte aber auch sein, dass sich der Arbeitnehmer beweisen kann, in dem was er auf Arbeit macht und auch wenn er dann und wann mal krank wird, seine Arbeit gut abliefert und gute Leistung erbringt. Für den Arbeitnehmer wäre das zwar nicht das Optimum, aber akzeptabel, da die Ergebnisse für ihn sprechen.

Eine dritte Möglichkeit wäre, dass der Arbeitnehmer sich noch viel mehr in seine Arbeit hängt und versucht immer das beste aus seiner Arbeit zu holen, da er sich dem Arbeitgeber verpflichtet fühlt, weil dieser ihn nicht während seiner langen Krankheit gekündigt hat. Er ist loyal dem Arbeitgeber gegenüber und auch privat versucht er bestmöglich alles für den Erhalt seiner Gesundheit zu tun. In doppelter Hinsicht wäre er wertvoll für den Arbeitgeber, da er nicht nur seine Arbeitskraft beweisen und erhöhen konnte, sondern er auch privat sich für seine Arbeit einsetzt.


Dies sind nur drei Optionen, sicherlich gibt es noch viele mehr. Aber ich möchte damit aufzeigen wie komplex die theoretische Ethik, sowohl für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer ist und dass ein weiterer Schritt die praktische Durchführung der Ethik ist.


Natürlich spielt die Ökonomie in unserem derzeitigen System eine große Rolle, dennoch sollten wir, egal ob wirtschaftlich oder privat, dieser nicht durchgängig Raum lassen, sondern immer wieder mal nachfragen, ob es nicht an einigen Punkten sinnvoller wäre ethisch zu handeln und nicht nur ökonomisch.


Denn der Mensch ist nicht nur darauf aus zu funktionieren, die zwischenmenschlichen Handlungen bedeuten ihm recht viel und wenn man sich als Firma dem Arbeitnehmer menschlich zeigt, ist das viel vertrauenerweckender, als wenn man die Macht nutzt um nur Freude oder Leid zu erzeugen oder besser gesagt seine Macht auszuspielen.

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