Ramadan-Reihe "Der Koran"

Wie schon erwähnt, hat das Philosophie Magazin ein Sonderheft über den Koran herausgebracht, über das ich jetzt ein wenig berichten möchte.


Oftmals sind wir ja davon überzeugt, dass wir in einer aufgeklärten Zeit leben und somit zum einen alles wissen und zum anderen nur begründete Vorurteile hegen würden. Begründete Vorurteile hört sich schon sehr verdächtig an...


Doch mit diesen Vorurteilen möchte das Philosophie Magazin aufräumen und ein Verständnis für den Koran schaffen, aber auch die Kritik soll in der Sonderausgabe zu Wort kommen.


Der Koran als solches ist für das westliche Verständnis sehr ungeordnet, weder nach Zeit, in dem die Suren (Abschnitte) geoffenbart wurden, noch nach Kontext, sondern nach Länge. Dementsprechend kann es sein, dass relativ weit vorne ein Thema angesprochen und dann später wieder aufgegriffen wird.

A copy of the Qur'an opened for reading.

Commons.Wikimedia / Flickr.com user "el7bara" / 2005


Das bedeutet, wenn man den Koran in eins durchlesen möchte, dann ist es ein heilloses Durcheinander und daher auch wenig zugänglich.


Ein weiteres Problem, was auftritt, ist die Möglichkeit der Interpretation.

In der Sonderausgabe wird sehr schön dargestellt, wie sich einige der Strömungen entwickelt haben und die dazugehörigen Interpretationsformen. Das ist ein Punkt der gerne immer wieder in Vergessenheit gerät, gerade bei Kritikern.

Das bedeutet auch, dass sich Strömungen entwickelt haben, die sich mit anderen Strömungen widersprechen, obwohl es sich um das gleiche Buch und vielleicht die gleiche Sure handelt.


Einen weiteren, wichtigen Punkt, stellt die Übersetzung dar. Der Koran wurde damals in arabisch verfasst und ist heute auch noch so zu lesen. Dass das arabisch aus dem 7. Jahrhundert noch ein anderes war, als man es heute kennt, kommt hinzu.


Man kann also jetzt schon erkennen, dass sowohl der liberalste Moslem sein kann, als auch der fundamentalistischste, da es einfach eine Auslegungssache ist.

Dadurch ist das Spannungsverhältnis innerhalb des Korans sehr groß, da es von einem Extrem ins andere übergehen kann.

Da wären Themen wie Gläubige und Ungläubige, Religionsfreiheit, die Frage nach dem freien Willen des Menschen oder nach der Vernunft, Gleichberechtigung und noch viel mehr.


Dabei helfen im Magazin gerade die ersten Seiten, um ein gewisses Verstehen für die damalige Entwicklung der Koraninterpretation zu entwickeln.


Gerne wird in den Medien immer wieder so getan, als sei die Auslegung des Korans erst ein im 20. Jahrhundert entstandener Weg. Doch diese Annahme ist falsch; schon kurze Zeit nach der Zusammenstellung des Korans entwickelten sich verschiedene Strömungen, die alle unterschiedliche Schwerpunkte hatten wie z.B. Deutungen als Gesetz oder Deutungen als Mystik.

Wobei es aber auch schon von Anfang an diejenigen gab, die sich auf den genauen Wortlaut bezogen und dies auch – übertrieben gesagt – noch in 1000 Jahren machen würden. Das ist im Übrigen auch genau die Kerbe, in die die Islamkritiker schlagen, da sie sich an dem genauen Wortlaut orientieren.


Doch das mit dem genauen Wortlaut ist ja, wie schon erwähnt, so eine Sache.

Die Meisten aller Moslems können kein Alt-Arabisch und müssen daher auf Übersetzungen zurückgreifen. Doch bei Übersetzungen geht gerne auch mal etwas verloren. Daher war die westliche Islamkritik über viele Jahrhunderte gang und gäbe. Es wurden Vorwürfe gegenüber dem Koran laut, dass es sich dabei nur um eine abgewandelte Version des Judentums und Christentums handeln würde. Dabei wurde jedoch vergessen, dass dort aber auch die Ursprünge liegen und bspw. Jesus auch als Prophet anerkannt wurde. Auch andere Übersetzungsfehler schlichen sich ein, da es sich dabei erst relativ spät um eine Direktübersetzung handelte. Vorher ging der weg der Übersetzung über einige Sprachen (wie Latein, Französisch usw.) und wurde natürlich so verändert, dass sich der Sinn teilweise verschob.


Auch die poetische Ader des Korans wird im Magazin behandelt. Jedoch muss ich gestehen finde ich nichts am Koran poetisch, was aber auch daran liegen mag, dass mein Gespür für Poesie nicht sonderlich ausgeprägt ist.

Da ich derzeit nur eine ins Englisch übersetzte Version des Koran vorliegen habe, verbessert das meine Ansicht leider nicht sonderlich. Jedoch wird auf die ins Deutsche übersetzte Version von Hartmut Bobzin verwiesen, bei der es sich um die derzeit beste Übersetzung handeln soll.


Interessant ist der Verlauf dem man in der Sonderausgabe folgt. Über die Anfänge des Korans hin zur Poesie, über die Fragen der unterschiedlichen Übersetzung, die Koranforschung und deren Anfänge. Auch die starke Ablehnung des Westens gegenüber des Islams wird thematisiert und wie sich die Sicht darauf von Ablehnung in eine romantische Vorstellung des Orients wandelte.


Wer jetzt denkt, dass das Philosophie Magazin ein rein unkritisches Werk herausgibt der irrt. Wie anfangs erwähnt, werden auch kritische Stimmen gegenüber dem Koran gehört, die besonders auf die politische Instrumentalisierung hinweisen, welche z. B. Salafisten nutzen oder auch andere fundamentalistische Strömungen im Nahen Osten.


Wichtig finde ich auch den Hinweis, dass man immer darauf achten sollte, welche wörtlichen Verbindungen man dabei nutzt. Islamismus und Fundamentalismus sind dabei als Beispiele zu nennen.


Murad Hofmann (kommt nicht in der Sonderausgabe vor) ist in einem seiner Bücher folgender Ansicht:

[...] Denn wenn unter Fundamentalismus nach ursprünglicher Definition Schriftgläubigkeit verstanden wird, sind alle wahren Muslime notwendig Fundamentalisten.(Der Koran, Murad Hofmann, Diederichs Verlag (Hugendubel), München, 2002, S. 12)


Dem würden einige, wenn nicht sogar fast alle der Autoren im Magazin widersprechen. Denn es gibt viel mehr liberale Muslime, als es oftmals durch die Medien den Anschein macht. Diese glauben zwar an Gottes Wort, fordern aber nicht, dass man alles, was im Koran geschrieben steht, umsetzen sollte, sondern dass man sich seines Verstandes, der einem von Gott gegeben wurde, zu bedienen hat.

Das bedeutet auch, sich Gedanken über die Texte zu machen und sie in deren historischen Kontext zu sehen. Als Beispiele wird dabei die Sklaverei oder das Tragen des Kopftuches genannt. Diese stellen zwar für den einen oder anderen einen traditionellen Wert dar, jedoch können wir in unserer heutigen Zeit die Sklaverei nicht mehr gutheißen. Auch ein Kopftuch muss nicht mehr getragen werden, auch wenn damit die Demut vor Gott ausgedrückt werden soll. Demut vor Gott kann heute auch anders aussehen.


Es kommen also die Interpretationen des Koran im Kontext mit der Neuzeit zusammen, was einen ganz anderen und viel weniger bösartigen oder brutalen Islam erkennen lässt. Der Islam war früher auch nicht böse oder brutal, jedoch wird uns oft dieses Bild vermittelt; dies geschieht in Form von Islamisten und weil der Orient als solcher, für viele Menschen etwas mystisches darstellt.


Ein Vergleich zwischen Rechtsradikalismus und Islamismus liegt gar nicht so fern, denn es scheint Vorreiter zu geben, die bestimmte Ideale vertreten und Leute für sich gewinnen. Die Menschen, die jedoch für diese Ideale gewonnen wurden, haben oftmals gar keine Ahnung worum es wirklich geht oder was einige Prinzipien bedeuten, auf die sie sich berufen.


Besonders gut gefällt mir dabei das Interview mit Thorsten Gerald Schneiders, der in einem Teil sagt:

Die Salafisten, die auf der Straße den Koran verteilen oder Schariapolizei spielen, und auch die Jugendlichen, die nach Syrien gehen, um dort Krieg zu führen, die haben tatsächlich in den allermeisten Fällen von der Religion wenig Ahnung. Es gibt ein aussagekräftiges Bild, das immer wieder in den Medien auftaucht. Darauf sieht man den Unterarm eines jungen Mannes, auf dem der Begriff „Dschihad“ tätowiert ist. Ich finde dieses Bild so bezeichnend, weil jeder, der sich nur ein bisschen mit islamischen Glauben auskennt, genau weiß, dass Tätowierungen entweder als komplett verboten angesehen werden oder zumindest als verpönt gelten!(Philosophie Magazin, Sonderausgabe 4 „Der Koran“, Interview mit Thorsten Gerald Schneiders, Berlin, 2015, S. 91)


Ich denke, dass es wichtig ist, sich mit dem Islam auseinander zu setzen, egal ob gläubig oder nicht. Denn über die Jahrhunderte hinweg sind Vorurteile und Missverständnisse entstanden, die es zu eliminieren gilt und hin dazu den anderen zu verstehen.


Es nützt niemandem, wenn man einer ganzen Religionsgemeinschaft Fundamentalismus oder Islamismus vorwirft, ebenso wenig, wenn man Vorurteile hat, was die Gleichberechtigung oder bestimmte Anwendungen von Gesetzen angeht.

Damit würde man gleichfalls behaupten, dass alle Muslime ihre Frauen unterdrücken und für die ständige Ausübung der Scharia sind.

Das wäre genau so, als würde man sagen, dass tätowierte Menschen alle im Knast gesessen haben und sich in zwielichtigen Kreisen bewegen.


Als vernunftbegabte Menschen sollten wir uns fragen „Wer ist der andere? Was macht ihn aus und was ist für ihn wichtig und warum?


Wie einige der Autoren schon darauf Hinweisen, kann sich der Koran auch in die Moderne übertragen lassen, was der Islam lange versäumt hat; obwohl der Nahe Osten einige Zeit lang sogar fortschrittlicher war, als der Westen. Irgendwann kippte das Ganze jedoch und der Orient blieb in seiner Entwicklung zwar nicht stehen, aber entwickelte sich zumindest sehr viel langsamer. Damit ist dann auch die historische Weiterentwicklung oder neuzeitliche Interpretation des Koran hängen geblieben.

Ein Vergleich mit der katholischen Kirche liegt da gar nicht so fern, da diese sich auch in den letzten Jahren anfängt zu öffnen und versucht sich auf die Moderne einzustellen.

Die Menschheit entwickelt sich weiter und genau dort sollte angesetzt werden.


Der Koran als solcher bleibt bestehen und unter den Moslems wird es wahrscheinlich auch niemanden geben, der sagt „Diese und jene Sure brauchen wir nicht mehr, lass sie uns streichen.

Dennoch wird es genügend geben, die den Inhalt hinterfragen und überlegen, ob einige Aussagen noch zeitgemäß oder vernünftig sind oder sie nicht doch in einem anderen zeitlichen Zusammenhang gesehen und verstanden werden sollten.


Lange genug haben wir uns von Vorurteilen lenken lassen, die uns eingeimpft wurden.

Es wäre schön, wenn sich der Koran der Moderne annähert und auch Nicht-Gläubige wissen würden, was im Koran steht und somit den extremistischen Strömungen (egal aus welcher Richtung) der Wind aus den Segeln genommen wird.


Die Sonderausgabe ist wirklich zu empfehlen und auch für Nicht-Gläubige geeignet, die sich vielleicht einfach mal einen kleinen Überblick verschaffen wollen.

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