Wie weit dürfen wir denken?

Wer mich kennt, der weiß, dass ich immer gerne und viel schreibe (manchmal auch rede) und dazu alles bis ins Kleinste beschreiben oder bearbeiten möchte.
Das kann dann und wann auch mal hinderlich sein bspw. wenn ich, wie dieses Mal, über das Philosophie Magazin schreibe. Das Philosophie Magazin hat immer wieder interessante Themen, einige sprechen einen mehr an, andere weniger; was auf den Leser als solchen ankommt und auch auf den, der schreibt.

Ich mag es zwar, wenn ein Thema groß und umfangreich behandelt wird, weil man sich dabei auch andere Aspekte, die man vorher vielleicht gar nicht bedacht hat, vor Augen führt und somit eine andere Perspektive wahrnimmt.
Doch manchmal sprechen mich auch kleine, kurze Artikel an. In diesem Fall stammt dieser von Hartmut Rosa, einem Professor für Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt. Der Beitrag von ihm trägt den Titel „Schere im Kopf“ und weist gleich am Anfang seiner Kolumne darauf hin, dass sie provozieren könnte.

Und ja, das macht sie. Zumindest mit den anfänglichen Fragestellungen, wo es um Fragen wie folgende geht: „Könnte es sein, dass Intelligenz vererbt wird?“, „Könnte es sein, dass der Holocaust historisch gar nicht so einzigartig ist?“. Das sind nur zwei, von einigen „brenzligen“ Fragen, die er stellt. Das brenzlig habe ich mit Absicht in Anführungszeichen gesetzt, was auch zum Thema von Hartmut Rosa passt. Denn brenzlig sind sie insofern, wenn man sie öffentlich äußert, man ganz schnell diskreditiert werden kann. Besonders, wenn man einen akademischen Posten sein Eigen nennt.

Dabei sind diese Fragen nicht einmal moralisch bewertend, sondern stehen nur als Frage im Raum. Diese Fragen wollen beantwortet werden, weil jemand nach Wissen strebt. Als eines der Beispiele für diese Diskreditierung führt er den Berliner Politikprofessor Herfried Münkler an. In diesem Fall sollen einige Studenten sehr akribisch der Frage nachgehen, ob Professor Münkler sich in seinen Vorlesungen sexistisch, rassistisch oder auf ähnliche Art äußert. Eigens dafür wurde auch schon ein Blog ins Leben gerufen, auf dem sich eine anonyme Gruppe von Studenten, zwar nicht zu den Vorlesungen Münklers äußert (zumindest habe ich nichts gesehen), aber sie zum Teil veröffentlicht.

Zwar ist Rosa der Meinung, dass, wenn solche Fragestellungen strategische oder politische Absichten verfolgen und zu legitimieren versuchen, derjenige auch die gesellschaftliche Ächtung verdient hat. Jedoch, wenn man schon einfache Fragestellungen verfolgt und anprangern will, dann ist das eine Katastrophe.
Besonders als Philosoph muss ich mich dann und wann mit Fragen auseinandersetzen, die mir nicht behagen oder die sehr gesellschaftskritisch sind. Aber genau das ist notwendig. Wenn man nach Wissen und der Weisheit strebt, so muss man sich auch diesen Fragen stellen. Man stellt sie nicht, weil man sich ein Ergebnis erhofft oder jemanden manipulieren will, sondern weil man ein Verständnis für etwas entwickeln möchte.

Ein weiterer Fall, der mir vor Kurzem über den Weg lief, ist ein Portal, auf dem Dozenten von Studenten bewertet werden können.

Gerade in akademischen Kreisen, kann so ein nachstellendes und bewertendes Verhalten fatal für die Karriere sein.

Doch gerade wenn Fragen gestellt werden, die einer Klärung bedürfen und da selbst wenn sie jemand völlig naiv fragt, weil er es nicht besser weiß, sollte diese Person keine Angst haben, sich diese Fragen öffentlich zu stellen. Selbst als Dozent stellt man solche Fragen, weil niemand allwissend ist; doch das wird gerne mal vergessen.

Wir haben jedoch einen Punkt erreicht, in unserer Gesellschaft, wo wir dem „So was darfst du nicht einmal denken!“ gefährlich nahe kommen und dem Nachwuchs das eigene Denken und moralische Stellung beziehen absprechen und somit verweigern.

„Doch, darf man.“ so Rosa, „Und dann muss man überlegen, was dafür und was dagegen spricht, und dabei wird man sehen, dass viel mehr dagegen als dafür spricht.“ (Philosophie Magazin, Berlin, 05/2015, S. 20)
Als Folge dieser Vorgehensweise führt Rosa an, dass wir unsere eigene Position mit guten Gründen rechtfertigen können, ohne dass wir sofort in eine Angst- und Abwehrhaltung verfallen. Es geht dabei um die intellektuelle Redlichkeit, die wir uns anzueignen haben. Desto öfter wir uns diesen Fragen stellen, um so mehr wir unsere Position verteidigen und auch die Punkte prüfen, die gegen unsere Überzeugung stehen. Somit „müssen [wir] uns unserer eigenen Haltung und unseres Selbst- und Weltverständnisses immer wieder argumentativ vergewissern, dann wird unsere Position stärker, die Überzeugung tiefer und die Vorbildwirkung größer.“ (ebd.)

Solche Fragen sind weder verwerflich, noch irrelevant, sondern bereichern unseren Wissensschatz und somit auch unser Selbst, weil wir versuchen uns ein Bild von der Welt zu machen. Beim stellen von Fragen geht es nicht immer gleichzeitig auch um eine Bewertung, sondern wie in den verschiedenen Bereichen der Philosophie, um das herausfinden von etwas.
Wir können doch nicht einfach, weil uns die Fragestellung von jemandem nicht gefällt, sie gleich von Anfang an, ausschließen und abwürgen. Dieser „moralische Holzhammer“ sollte nicht geschwungen werden, da dadurch erst bestimmte Probleme wieder erschaffen werden, wie z.B. Rassismus, Sexismus usw. Denn genau da kommt der Bumerang zu uns zurück, weil mit dem Verbot etwas zu denken oder zu fragen, haben wir uns auch automatisch die intellektuelle Redlichkeit verboten, was Tür und Tor offen lässt für wilde Theorien und Spekulationen, die nicht mehr hinterfragt werden würden.

Man kann also sehr schön sehen, dass diese Prozesse miteinander zusammenhängen und nicht unbeachtet oder Ideen verboten werden sollten.
Es muss die Möglichkeit geben über alles zu reden und zu denken, der weitere Verlauf mit den Pros und Contras ist dann ein weiterführender Prozess.

Als ich den Beitrag von Rosa las, hatte ich ständig George Orwells „1984“ im Hinterkopf, in denen selbst potentielle Gedanken(-verbrechen) geahndet wurden. Das wir uns in diese Richtung bewegen sollten, halte ich für eine sehr schlechte Idee. Dementsprechend wäre es klug, wenn man zuerst in den Dialog miteinander tritt, bevor man beginnt etwas zu verbieten oder jemanden zu diskreditieren.

Gedanken dürfen gedacht und frei geäußert werden.

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