Semikolon-Projekt

Schon vor einigen Monaten bin ich über eine „neue“ Kuriosität gestolpert, denn immer wieder sah ich mal hier, mal da Bilder von Menschen, die sich ein Semikolon haben tätowieren lassen. Erst dachte ich mir nicht viel dabei und habe mich dementsprechend nicht wirklich um eine Erforschung dieses Themas bemüht.
Doch da ich von einem Freund kurzzeitig darüber sprach, habe ich mir überlegt, mal zu schauen, wobei es sich denn dabei eigentlich so handelt.

Dazu habe ich mir dann mal diverse Internetseiten vorgenommen, die darüber (inhaltlich - mal besser, mal schlechter und manchmal sehr schlecht) geschrieben haben. Dann suchte ich nach der Seite des Projektes selbst und fand sie auf Facebook bzw. auf ihrer eigenen Homepage.

Dabei kam heraus, dass es dieses Projekt schon seit 2013 gibt und von der Amerikanerin Amy Bleuel ins Leben gerufen wurde. Das tat sie, weil sie ihren Vater ehren wollte, der Selbstmord begangen hatte.
Es wurde daraufhin von anderen als Symbol angesehen und zwar dahingehend, dass es viele Personen gibt, die psychische Probleme haben, wie bspw. Selbstmordgedanken.
Mit der Zeit wurde es immer mehr ein Zeichen für viele Menschen und weniger ein Symbol, um nur eine Person zu ehren.
Da sich immer mehr Menschen meldeten, die selbst Probleme, wie Borderline, Depressionen, aber auch die angesprochenen Selbstmordgedanken usw. hatten bzw. haben, wurde das Semikolon für diese Bewegung zu einer Inspiration weiterzuleben.

Project Semicolon is a faith-based movement dedicated to presenting hope and love for those who are struggling with depression, suicide, addiction and self-injury. Project Semicolon exists to encourage, love and inspire.“

So steht es auf deren Seite. Es hat also eine Wandlung stattgefunden, was das Symbol als solches angeht.
Jedoch wird auf deren Seite auch darauf hingewiesen, dass es sich zum einen um eine karitative Organisation handelt und zum anderen nicht verwechselt werden sollte mit den dafür zuständigen Hilfe-Hotlines, da die Organisatoren keinerlei Ausbildung in diesem Bereich haben oder Hilfe anbieten.

Viele Seiten, die ich mir dazu angeschaut habe, schrieben einen ähnlichen Satz, der auch auf der Homepage des Projektes stehen soll (ich jedoch nicht gefunden habe):

Ein Semikolon wird genutzt, wenn ein Autor seinen Satz eigentlich hätte beenden können, aber gewählt hat, es nicht zu tun. Der Autor bist du und dieser Satz ist dein Leben.

Diese Aussage finde ich etwas befremdlich und das auf mehreren Ebenen, wobei der Ansatz natürlich eine gute Idee ist.
Erstmal gehe ich davon aus, dass mein Leben nicht nur ein Satz ist, sondern mindestens ein Buch füllt, hoffentlich auch mehr als nur eines.
Der Aussage stimme ich zumindest im sartrischen Teil zu, dass man der Schöpfer des eigenen Ichs ist – wobei Sartre das sicherlich anders gemeint hat, als es der Satz darstellt. Wer sich etwas mehr mit Sartre beschäftigt hat, wird wissen was ich meine, ist jetzt aber auch weniger von Bedeutung, daher gehe ich darauf nicht weiter ein.

Doch besonders irritiert mich die Idee des Semikolons im Zusammenhang mit der Aussage, dass es sich dabei um das eigene Leben handeln würde.
Das rührt u.a. von einem Kommentar auf einer Seite bezüglich des Projektes her.
Dort schrieb eine Dame:
Es gibt die Regel, dass man dann ein Semikolon setzt, wenn ein Punkt zu viel und ein Komma zu wenig ist.
- Der Tod zu viel und das Leben zu wenig -?

Genauer gesagt, kann man ein Semikolon setzen, wenn man möchte, ist jedoch nicht gezwungen. Eigentlich wird es genutzt um zwei gleichrangige Sätze oder Wortgruppen miteinander zu verbinden. Es wirkt dabei stärker als ein Komma, aber schwächer als ein Punkt.
In der griechischen Sprache wird das Semikolon als Fragezeichen benutzt. Hat also dort einen völlig anderen Bezug, als z.B. in Amerika oder Deutschland.
Aber gut, das ist ja jetzt kein Hauptkriterium etwas zu benutzen, schließlich sind die Zeichen, die wir benutzen, so vielfältig wie die Menschen der Erde.

Dennoch musste ich über den Kommentar, den die Dame da auf der einen Seite von sich gab, nachdenken. Wir haben einen Satz der für sich alleine stehen kann. Dieser ist Symbol des Lebens bzw. der Lebensspanne.
Der Punkt steht für das Beenden des Satzes, also den Tod. Das Semikolon soll nun die Funktion haben zwei Sätze zu verbinden, die auch alleine stehen könnten. Das Komma hingegen ist zu schwach den Satz zu verbinden oder weiterzuführen. Es benötigt das Semikolon um zu funktionieren; wobei ja heutzutage auch lieber ein Punkt gemacht wird im Journalismus. Meistens wird das dann durch bessere Lesbarkeit verteidigt.

Wie man vielleicht sehen kann, tue ich mich doch recht schwer mich zu diesem Gedankengang mitreißen zu lassen, weil er mir einfach den Eindruck vermittelt, dass er irgendwie zusammengeschustert wurde.
Mir kommen dabei schnell selfi-knipsende Hipster in den Sinn, die weniger an dem Inhalt interessiert sind, sondern vielmehr an der Selbstdarstellung und der potentiellen Zusammengehörigkeit.
Man kann das gut mit YOLO(you only live once) vergleichen, das eine Zeit lang in aller Munde und eigentlich vorher unter „Carpe diem“(lat. „nutze den Tag“) bekannt war.

Natürlich ist es eine nette Geste, wenn sich Menschen zusammenschließen und sich dahingehend positiv äußern, dass das Leben weitergelebt werden soll. Ebenso, wer Hilfe benötigt, sich diese besorgt und nicht weiter verkriecht.
Auch darauf Aufmerksam zu machen, dass es sich bei vielen psychischen Störungen um ein gesellschaftliches Tabuthema handelt, ist keinesfalls verkehrt, denn ich sehe es immer wieder, wie Menschen es unangenehm ist, wenn sie anderen von ihren Störungen erzählen (müssen).

Dennoch wage ich es zu bezweifeln, dass durch dieses Tattoo Menschen vom Verkriechen oder Selbstmord abgehalten werden. Es zeigt eben nur auf, dass man sein Leben weiterleben kann. Aber das könnten andere Zeichen verkörpern.

Ein weiterer Punkt den ich nicht verstanden habe ist, dass es sich dabei um ein karitatives Unternehmen handeln soll und daher auch kein Geld erwirtschaftet, gleichzeitig war aber unter dem Post (in Form eines Fotos ihres neuen Tattoos) einer Frau zu lesen, dass sie mit ihrem Tattoo 20 Dollar in wohltätige Zwecke gespendet hätte.
Gut, wenn der Tätowierer bedürftig ist, dann könnte ich es sogar verstehen, aber so ist mir das etwas schleierhaft. Zumal ich auch nichts in einer Art Spendenkonto auf der Seite des Semikolon Projektes gefunden habe und die Frau, die ihr Bild geteilt hat, auch nicht drunter schrieb, was sie damit genau meinte.

Ich denke man kann ganz gut meine Skepsis erkennen, die ich auch nicht unbedingt verberge, aber ich würde es auch zugeben, wenn meine Skepsis unbegründet wäre. Schließlich lasse ich mir ja auch gerne etwas neues erklären und bin offen für vieles.

Aber in dem Fall weiß ich nicht, in wie fern nur der Gedanke „Lebe dein Leben weiter“, „verstecke dich nicht“ und „such dir Hilfe wenn du sie brauchst“, den Menschen bei ihren psychischen Störungen helfen soll.

Das wäre so, als würde ich ein Projekt starten, das die Menschen ins Fitnessstudio bewegen soll und die Kernaussagen sind „du bist stark“, „mach etwas aus dir“ und „nimm dir einen Privattrainer, wenn du Hilfe brauchst“ sind.
Es sind dann leere Phrasen, die einem aber auch nicht weiterhelfen, sondern nur auf schon vorhandene Möglichkeiten hinweisen. Als Tattoo dieser Bewegungen würde ich den angespannten Arm, der Die Kirche des Bizeps​ nehmen, weil dieser für Stärke stehen soll.

Ich will dem Projekt seine mögliche Wirkung nicht absprechen, trotzdem sollte man sich aber auch überlegen, was man sich tätowieren lässt und ob der Hintergrund wirklich so stark ist, wie man vermutet. Wie gerne lassen sich derzeit Menschen Unendlichkeitszeichen, Pusteblumen und Sterne tätowieren, weil sie gerne etwas besonderes und einzigartiges haben wollen.

Die Benutzung des Semikolons habe ich in den letzten Jahren in der englischsprachigen Welt kaum sehen können – was nicht heißt, dass es nicht genutzt wird, jedoch könnte das auch ein Grund sein, dass genau dieses Zeichen ausgesucht wurde.

Aber das ist nur eine Vermutung und da ich Amy Bleuel nicht kenne oder wie und warum sie wirklich auf diese Idee kam, muss ich ihre Geschichte als wahr erachten, auch wenn ich meine Zweifel habe; die hat man aber als Philosoph auch ständig.  :)

Daher: Erst denken und dann tätowieren lassen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Birgit (Montag, 01 Februar 2016 20:26)

    Witzig ist, dass ich leider(?) gerade darüber in der Reihe "Aus dem Korrektorat" geschrieben habe. Ich finde die Idee Menschen zu ermutigen, sehr gut. Zu ermutigen ihr Leben nicht zu beenden, sondern dem Leben an sich eine Chance zu geben: egal, wie mies es ihnen geht. Die Aufforderung, den Satz nicht zu beenden, sondern weiterzuschreiben, kann doch nicht so verkehrt sein, oder?