- Flüchtlingsdebatte -

Als Philosoph ist man oftmals bedacht, nicht zu sehr in andere Themen abzudriften, vor allem in die Bereiche, mit denen man vielleicht eher weniger zu tun hat; denn schnell kann man sich verzetteln oder vielleicht sogar einen Punkt übersehen, der denjenigen, die sich mit der Thematik schon länger befassen, geläufiger ist als einem selbst.


Möglicherweise benötigen Philosophen deswegen auch immer etwas mehr Zeit, wenn sie sich zu einem Thema äußern sollen. Das Problem dabei: Meistens ist das Thema dann schon nicht mehr so aktuell und man findet dementsprechend kaum Gehör.


In meinem Fall geht es mir dabei um politische Themen. Politik war noch nie sonderlich interessant für mich, da mich die ausgeübte Form der Politik einfach nicht anspricht. Für mich treffen sich regelmäßig ältere Menschen mit einem unverschämten Gehalt, um Sachen zu beschließen bei der entweder noch mehr Geld für sie herausspringt oder das Volk nicht mal im Ansatz gefragt wird, ob es X oder Y haben möchte. 

Boat People aus Haiti (2005), John Edwards, U.S. Navy


Dann wird aber davon gesprochen, dass man im Sinne des Volkes agieren würde.

Für mich trifft es das Wort Schmierentheater dahingehend ganz gut. Aber das wird jeder für selbst beurteilen müssen und sicherlich wird nicht jeder meiner Meinung sein.


Doch eigentlich soll es hierbei nicht um die Politik als solche gehen, sondern um die politischen Geschehnisse, die in letzter Zeit die Runde im Internet und insbesondere auf Facebook machen.


Immer wieder kann man Äußerungen lesen wie:

Ich habe nichts gegen Ausländer, aber...“,

Ich bin kein Nazi, aber...“,

Wirtschaftsflüchtlinge wollen nur unser Geld...“,

Flüchtlinge erschießen...“,

Asylanten ins Gas und das Problem ist gelöst...“,

Den Holocaust gab es gar nicht und ist eine Lüge...“ und noch viele weitere solcher Ergüsse.


Natürlich werde ich mir den Großteil dieses Themas für ein Buch aufheben, da es schier unerschöpflich ist, aber dennoch sollte es zumindest mal als Denkanstoß hier angeschnitten werden.


Zum einen sollte mir klar sein, wenn ich mich so öffentlich äußere, d.h. Bei Facebook, Twitter, in Foren, auf Arbeit, in der Stammkneipe, auf dem Marktplatz oder wo auch immer, dass diese Äußerungen Konsequenzen mit sich bringen können.

Das kann z.B. eine Anzeige sein, wegen Volksverhetzung, Androhung einer Straftat oder Leugnung des Holocausts. Viele, die solche Äußerungen tätigen, sind der Ansicht, dass dies unter die freie Meinungsäußerung fallen würde, doch dazu später mehr.


Eine der ersten Konsequenzen war, dass sich Seiten gebildet haben, die satirisch gegen diese Art der „Meinungsäußerung“ vorgingen.

Da sich nationalsozialistische Gruppierungen und Ideen auf die deutsche Tradition oder gerne mal auf die christlichen Werte des Abendlandes berufen, wurden diese besonders unter die Lupe genommen. Da wirkt dann jemand, der sich auf diese christlichen Werte beruft, zeitgleich jedoch einen Thorshammer um den Hals trägt, wenig glaubwürdig und verständlicherweise lächerlich.


Aber auch die deutsche Sprache, gerade im Land der Dichter und Denker, wird gerne missbraucht.

Nicht falsch verstehen – nicht von den Satirikern, sondern von jenen, die von sich behaupten eine Tradition fortzuführen und deutsche Werte zu vermitteln. Besonders im Zeitalter der Autokorrektur kann das zu unglaublichen Wortgebilden führen. Der Interpretationsspanne sind dabei keine Grenzen gesetzt.


Einige der Facebook-Gruppierungen seien hier mal genannt, da es immer wieder schön ist, was Neologismen sich einschleichen können und manches ist so absurd, dass man kaum glauben kann, dass diese Ergüsse von „besorgten Bürgern“ (wie sich einige ja nennen) stammen sollen.


Hooligans gegen Satzbau, Linkes Komponistenpack, Hunde raus aus Deutschland, Freital raus aus Deutschland, Katzen gegen Glatzen, Hermann der Infokrieger, Kriminelle Ossis Abschieben, Rhetorische Perlen von AfD- und NPD-Anhängern und viele mehr.


Wer Zeit und Lust hat, kann sich durch diese wilden Absurditäten mal durchklicken und findet sicher den einen oder anderen Wort(-schatz).



Eine andere, dieser oben erwähnten Konsequenzen, ist aber auch die spontane Arbeitslosigkeit, wenn der Arbeitgeber davon Wind bekommt, was man so für Ergüsse von sich gegeben hat.

Dementsprechend kann man auch in letzter Zeit häufig davon lesen, dass vermehrt Menschen, die sich genau so im Internet äußerten, fristlos gekündigt wurde.


Könnte man jetzt sagen: Zu Recht!

Der Arbeitgeber sieht darin sein Geschäft gefährdet und hat somit die gesetzlichen Möglichkeiten auf seiner Seite. Viele befürworten dieses Vorgehen gegen fremdenfeindliche und Holocaust leugnende Hetzer.


Doch vor einiger Zeit konnte ich flüchtig über einen Artikel lesen (den ich leider nicht mehr finde – sollte er mir wider Erwarten, doch noch unterkommen, trage ich ihn gerne nach), der sich mit genau dieser Frage beschäftigt.


Sollte ein Arbeitgeber denjenigen, der sich so öffentlich geäußert hat, wirklich umgehend kündigen?


Potentiell hätte man dann jemanden, der rassistische Neigungen zeigt sofort im Hartz4 stecken, was die Lage nicht besser macht.


In dem Artikel wurden jedoch Vorschläge gemacht, dass der jeweilige, der sich auf seine „freie Meinungsäußerung“ beruft und im Internet Parolen, wie sie oben stehen von sich gegeben hat, vor der gesamten Belegschaft einen Vortrag halten müsste, was falsch an seinem Verhalten und seiner Aussage gewesen ist.


So sehr ich ein Verfechter von drakonischen Maßnahmen bin, finde ich die Idee ausgesprochen gut und weniger pädagogisch, als sie den Eindruck macht. Jedoch bringt diese Art der „Strafe“ denjenigen dazu, sich wirklich Gedanken über das Gesagte bzw. Geschriebene zu machen.


Wenn man jemanden einfach nur aus dem Betrieb wirft, dann ist die Selbstreflexion nicht sonderlich hoch, sondern es wird dem, über den man sich schlecht geäußert hat, die Schuld zugewiesen. Da gerne die Schuld bei anderen gesucht wird, nur nicht bei sich selbst. Das ist so eine seltsame Eigenart, die einige Menschen an sich haben.


Eine fristlose Kündigung könnte in dem Fall einfach kontraproduktiv sein, anders als der Vortrag, den derjenige zu halten hätte.


Bei einem Vortrag hingegen, würde dem Referenten vor Augen geführt werden, was er falsch gemacht hat und dass die freie Meinungsäußerung, auf die er sich berufen hat, nicht mehr in den Bereich der Meinungsäußerung fällt, sondern in den Bereich des Aufhetzens.


Zwar könnte sich der Redner immer noch denken „der Flüchtling hat mich in diese Lage gebracht“, aber mit der Beschäftigung der Unterschiede von Begrifflichkeiten und Denksysteme könnte möglicherweise auch eine Selbstreflexion einsetzen, die definitiv möglich ist.


Ihm würde klar werden, dass z.B. die Bürger der DDR damals auch Flüchtlinge und Vertriebene waren und das Argument „Aber es war doch das gleiche Land“ einfach nicht stimmig ist, denn es gab unterschiedliche politische Systeme, eine andere Währung, unterschiedliche Wirtschaftssysteme usw. Auch wenn man die gleiche Sprache gesprochen hatte und sogar mit jemandem verwandt war, musste das eine System das andere und deren Bürger auffangen.


Heute wird davon gesprochen „Was das alles kostet“ und „Die wollen doch nur unser Geld“ - wie absurd diese Aussagen sind, kann man gut im Vergleich mit Millionen DDR-Bürgern sehen.


Und einer der Punkte der mich wirklich stört ist, anstatt es als eine Investition in eine friedlichere Zukunft zu sehen, also Erwachsene und Kinder später ihr Land wieder aufbauen können, weil wir ihnen bspw. durch Bildung, Ideen und Ausbildungen bessere Möglichkeiten schaffen könnten, wird davon gesprochen, dass uns diese Menschen übers Ohr hauen wollen. Wo die wirklichen Ursachen liegen wird einfach nicht hinterfragt.


Der Philosoph Alain Finkielkraut schrieb über den „Verlust der Menschlichkeit“, den wir genau heute erleben. Einige Menschen grenzen sich noch immer so stark von anderen ab, weil sie sie nicht kennen; weil sie nicht erkennen, dass sie sich ähnlicher sind, als sie vermuten oder zulassen wollen.

Es wird nur gesehen „der ist anders als ich“ - das mag wohl stimmen, aber mein Nachbar ist auch anders als ich oder der Straßenbahnfahrer oder der Radiomoderator. Wir sind alle anders, das heißt jedoch nicht, dass einer weniger Mensch ist, als der andere, nur weil er nicht die gleiche Kultur hat oder einfach nur andere Essgewohnheiten.


Wenn es danach ginge, würde fast ganz Deutschland ausgewiesen oder ins Gefängnis gehören. Einem vernunftbegabten Menschen sollte klar sein, dass bestimmte Gedankengänge einfach so bizarr sind, dass sie als Ideologie nicht verfolgt werden sollten.


Dass die Politik erst gar nicht und dann nur zaghaft reagiert, war, wie so oft, nicht anders zu erwarten. Wobei natürlich große Worte geschwungen wurden, ob sich das dann auch in Taten zeigt bleibt abzuwarten.

Normalerweise hätte ein Ruck durch die Reihe der Politiker gehen müssen, als die ersten Vertriebenen angegriffen oder potentielle Asylantenbehausungen angezündet wurden.


Mich erinnern solche Bilder nicht nur an meine Kindheit in den 90er Jahren (Solingen), sondern auch geschichtsbezogen an die Vorzeit des zweiten Weltkriegs, in der durch Bildmanipulationen und Gewalt ein Bild aufgebaut wurde, was so nicht vorhanden war.


Ich würde ehrlich gesagt, was das angeht, noch gerne auf unglaublich viele Teilbereiche eingehen, doch sind meine Texte so oder so schon immer recht lang und ich vermute mal, dass sich auch nicht alle die Zeit genommen haben diesen Text zu lesen und darüber nachzudenken.


Deswegen werde ich hier einfach einen Philosophen Sprechen lassen, der es ganz gut formuliert hat.


"Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.


Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel [sic!] Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört".


- Jean-Jacques Rousseau -


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Kommentare: 1
  • #1

    Evelin (Sonntag, 25 Oktober 2015 14:41)

    Ich habe mir die Zeit genommen diesen Text zu lesen, trotz der Länge :-) Auch wenn viele philosophische Texte für einen Laien schwer zu verstehen sind, ist dieser für mich doch sehr verständlich. Danke für diesen Beitrag.