Was bist du wert?

Bild: forthepeeple.com

Vor einigen Tagen bin ich auf einen Artikel gestoßen, der sich mit einer App beschäftigt, die derzeit noch in der Entwicklung ist. Sie trägt den Namen „peeple“.


Was kann diese App und wofür ist sie gut?


Mit dieser App hat man die Möglichkeit andere Menschen zu bewerten. Dieses Bewertungssystem funktioniert mit Sternen, von eins bis fünf (inklusive Kommentaren). Dazu kann man sich mit seinem Facebook-Account zu der App verbinden und Menschen, deren Handynummer bekannt ist, bewerten.

Nach Aussage der beiden Entwicklerinnen, soll das z.B. gut sein für die Auswahl eines Babysitters oder auch die Freunde des eigenen Kindes können unter die Lupe genommen werden.


Positive Bewertungen sollen umgehend online gehen, hingegen negative (ab zwei Sterne abwärts) haben eine Wartezeit von 48 Stunden und geben


an den Bewerteten eine Nachricht ab, dass dieser die Unstimmigkeiten mit dem Bewerter vielleicht klären sollte. Klappt das nicht, dann geht die negative Bewertung auch online. Die negativen Bewertungen bleiben dann ein ganzes Jahr bestehen und werden danach gelöscht. Somit soll dem User die Möglichkeit gegeben werden, sich zum positiven zu verändern.


Unterteilt sind diese Bewertungen in drei Kategorien: beruflich, persönlich und romantisch („personal, professional, and dating“).


Die beiden Entwicklerinnen bezeichnen ihre App als „Positivity App“, obgleich sich die kritischen Stimmen, bezüglich der App, mehren.


- Doch betrachten wir diese App mal von einem philosophischen Standpunkt aus. -


Als allererstes kann man damit Menschen auf verschiedenen Ebenen bewerten, vom beruflichen bis hin zum privaten (romantischen).

Jemanden zu bewerten ist immer eine ganz schwierige Sache, denn solch eine Bewertung ist immer etwas sehr subjektives. Dazu kommt, dass es Menschen gibt, die sich einfach von Grund auf nicht leiden können. Das gibt es in Familien, das gibt es in der Schule, im Beruf – überall. Vom Prinzip her auch nicht schlimm, denn man muss auch nicht jeden mögen.


Doch wenn ich jemanden öffentlich und für jeden zugänglich bewerte, dann erinnert mich das ein wenig an mittelalterliche Gepflogenheiten. Das Schlitzohr kommt nicht von ungefähr. Zumal man – so die bisherige Aussage – sich nicht gegen eine Bewertung der eigenen Person wehren kann.


Genauer gesagt, diese App ist, auch wenn sie sich in Liebe und Wohlwollen kleidet, eigentlich nur diktatorisch und ich würde fast schon so weit gehen und es wagen, sie faschistisch zu nennen.

Doch um zu verstehen, warum ich sie so bezeichnen würde, zitiere ich den Geschichtsprofessor Robert O. Paxton, der Faschismus in seinem Buch „The Anatomy of Fascism“ wie folgt definiert:


Faschismus kann definiert werden als eine Form des politischen Verhaltens, das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit, wobei eine massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer, aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten demokratische Freiheiten aufgibt und mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion verfolgt.“ (Quelle: Wikipedia, Faschismustheorie, Definition des Faschismusbegriffs)


Wenn man sich nun diese App vornimmt, dann erfüllt diese einige der Kriterien. Natürlich würde man nicht sagen, dass es dabei um direkte Politik geht – aber halt! – irgendwie schon.


Denn nehmen wir an, ich bewerte Person A, egal wie diese Bewertung ausfällt, dann wähle ich etwas und gebe meine Stimme für oder gegen etwas ab. Bewerten jetzt 40 oder 50 andere Personen ähnlich, dann gibt es dahingehend eine Einstimmigkeit in dieser Gruppierung. Diese Gruppierung bewertet sich dann vielleicht auch gegenseitig positiv und verleiht sich dann schnell einen elitären Touch. Fällt aber jemand, aufgrund seiner Persönlichkeit oder Individualität aus dem Rahmen, dann kann es passieren, dass diese Gruppe, die Person einheitlich negativ bewertet (auch wenn die eigene Bewertung darunter etwas leiden kann).


Wenn man sich diese App dann in der Schule vorstellt (Stichwort: Mobbing, Gruppenzwang), will ich nicht wissen, wie viele Kinder sich aufgrund solcher Bewertungen das Leben nehmen wollen oder in massive Depressionen verfallen (nicht zuletzt, weil das Smartphone, laut neuster Studien, eh schon Stress für Kinder und Jugendliche bedeutet).

Außerdem befinden sich Kinder und Jugendliche in einer ständigen Entwicklung und Sinnkrise, die durch die Werbemedien nicht unbedingt verringert werden.


Das bedeutet, dass (kleine) Gruppierungen die Möglichkeit haben, einen Menschen zu bewerten, nur weil er anders ist, als sie, und sie das nicht gutheißen. Anders herum kann damit auch der Narzissmus (oder andere psychische Störungen) gefördert werden und man ist quasi darauf angewiesen, dass einen alle anderen positiv bewerten.


If you make a negative comment about someone it affects your positivity score and it will go down. If you make positive reviews about people your positivity score will go up.“ (Quelle: forthepeeple.com)


Nicht zu Verschweigen gilt, dass wenn z.B. Person A Person B negativ bewertet, der „Score“ von Person A ebenso fällt. In wie fern das dann aber dauerhaft ausschlaggebend ist bzw. in wie fern das Gruppen interessiert, wenn jemand niedergemacht werden soll, ist fraglich.


Besonders schön wird es dann, wenn man nach Arbeit sucht und der potentielle Arbeitgeber erst einmal schaut, wie denn die Bewertung der jeweiligen Person aussieht. Derzeit wird das ja gerne per sozialem Netzwerk oder ähnlichen Dingen, die man im Internet findet, getan.

Ist man jedoch dann eine der Personen, die zwar fachlich etwas auf dem Kasten haben, aber in der App nicht sonderlich gut wegkommen (warum auch immer), dann kann das bedeuten, dass man den Job, den man sonst vielleicht bekommen hätte, dann doch nicht erhält, sondern möglicherweise jemand, der sich einfach nur mit allen gut stellt oder gut verkaufen kann.


Man kann also sehen, dass es sich dabei um eine wirklich schwierige App handelt und meiner Meinung nach, um eine unnötige und vielleicht sogar gefährliche.


Die „Ode an die Tapferkeit/ den Mut“, die auf der Gründerseite zu finden ist, finde ich in dem Bezug auf die App schon etwas sehr realitätsfern.


An Ode to Courage: Innovators are often put down because people are scared and they don’t understand. We are bold innovators and sending big waves into motion and we will not apologize for that because we love you enough to give you this gift. We know you are amazing, special, and unique individuals and most likely would never shout that from the rooftops. The people who know you will though…they choose to be around you and in your life and support you even when you don’t like yourself. We have come so far as a society but in a digital world we are becoming so disconnected and lonely. You deserve better and to have more abundance, joy, and real authentic connections. You deserve to make better decisions with more information to protect your children and your biggest assets. You have worked so hard to get the reputation you have among the people that know you. As innovators we want to make your life better and have the opportunity to prove how great it feels to be loved by so many in a public space. We are a positivity app launching in November 2015. Whether you love us or our concept or not; we still welcome everyone to explore this online village of love and abundance for all.“ (Quelle: forthepeeple.com)


Dass Erfinder oder Wegbereiter immer wieder mit Gegenwind zu kämpfen haben ist klar, auch dass Menschen oftmals vor etwas, was sie nicht kennen oder verstehen Angst haben.


Doch in dem Fall verstehen es die Kritiker ja. Es ist ja jetzt nicht so, als hätten die Erfinderinnen eine Dampfmaschine entwickelt oder das Feuer entdeckt und keiner verstünde, was da eigentlich passiert bzw. passieren könnte..


Dass diese App als „Geschenk“ bezeichnet wird, halte ich noch weniger für ein gutes Zeichen, denn das erweckt den Eindruck, als wären sie wirklich der Meinung etwas gutes getan zu haben und die Welt wäre voller vernünftiger und liebender Menschen, die keiner Fliege was anhaben wollen.


[…] we still welcome everyone to explore this online village of love and abundance for all.“ (Quelle: forthepeeple.com)


Für mich ist die Sprache sehr blumig gewählt, ich würde sogar sagen verklärt. Wörter wie Dorf, Liebe, Fülle, Reichtum muten da schon sehr romantisch und heimelig an.


Auch, dass es ja zum Schutz der Kinder sei, ist natürlich ein sehr aufopferndes Motiv. Ebenso, dass man damit mehr reale Verbindungen hält oder man bessere Entscheidungen treffen kann (für seine Kinder), klingt natürlich sehr nett.

Nicht, dass man das vorher nicht konnte.


Sie sehen sich selbst als Vorreiter einer ganz wundervollen Sache, vergessen dabei aber jegliche negativen Aspekte. Diese werden einfach komplett ausgeblendet, als gäbe es sie gar nicht.


Es gab mal eine ähnliche Homepage, die vor vielen Jahren aus dem Netz genommen wurde bzw. in Deutschland vorher schon nicht mehr erreichbar war. Dort konnte man seinen Nachbarn bewerten, ohne dass er es wusste.

Es wurde denunziert auf Teufel komm raus. Die eigentliche Intention des Machers dieser Homepage war (oder soll gewesen sein), dass man, wenn man z.B. Umziehen möchte und Wohnungen sucht, schauen kann, in was für ein Viertel man da so zieht und ob die Nachbarn halbwegs umgänglich sind. Das hat dann mal so eher gar nicht geklappt.


Und so lange sich die Entwicklerinnen in einem realitätsfremden Auftrag befinden, wird diese App nicht nur Gutes bescheren.

Alleine der Datenschutz und das Persönlichkeitsrecht wird diese App sicher nicht (dauerhaft) in Deutschland zulassen; zumindest kann ich mir das nicht vorstellen.

Wenn man keine Möglichkeit hat, sich gegen überhaupt ein Profil oder eine Bewertung in dieser App zu wehren, dann ist diese App nicht auf Liebe und Blümchenkaffee aufgebaut, sondern auf Diktatur und Faschismus.


Wenn ich einen philosophischen Antipreis (vielleicht sollte ich diesen Einführen...) vergeben könnte, dann hätte diese App ihn, vor der offiziellen Veröffentlichung, nur alleine aufgrund der verblümten Aussagen und fehlender Selbstreflexion der Entwicklerinnen, von mir erhalten.


(Quellen: forthepeeple.com, heise.de, wikipedia.org)

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