Sterbehilfe

Eigentlich wollte ich ja die Tage einen anderen Artikel zu Ende bringen, jedoch ist mir das Thema der Sterbehilfe untergekommen, welches ich kurz anschneiden möchte, da es derzeit heiß diskutiert wird.


Am 6. November hat der Bundestag über eine Neuregelung der Sterbehilfe abgestimmt. Demnach soll nun die geschäftsmäßige Sterbehilfe in Deutschland strafbar sein.


Es wurden mehrere Entwürfe vorgelegt, doch nur einer davon konnte als Gewinner hervorgehen. Diesen Gesetzentwurf findet man ab jetzt im Strafgesetzbuch mit folgenden Worten:


Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung


(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.


In der Debatte hatte jeder sein Modell vorstellen können und die Positionen gingen von sehr liberal (Organisationen und Ärzten sollte es erlaubt sein) bis konservativ (striktes Verbot jeglicher Sterbehilfe).


Doch wie man sich vorstellen kann wirft dieses Gesetz viele neue Fragen auf und macht den Eindruck einer Grauzone, was besonders die Ärzte verunsichert. Denn vom Prinzip her könnte man ihnen vorwerfen, dass sie geschäftsmäßig Handeln würden, wenn sie jemandem bei der Selbsttötung helfen.

Selbst wenn ein Arzt einem Angehörigen die Medikamente geben würde, damit dieser dann, wie unter (2) beschrieben, dieses dann an den Patienten weiter gibt, würde sich der Arzt strafbar machen.

Also egal wie man es dreht und wendet, der Arzt stünde immer mit einem Bein im Gefängnis. Organisationen für Sterbehilfe sind damit generell verboten, was die eigentliche Intention dieses Gesetzes sein sollte.


Oder gesetzt dem Fall, dass Ärzte dann doch die Hilfe leisten dürften, was macht man, wenn es gegen dessen (christlichen) Grundsätze verstößt? Wäre man dann gezwungen bis zum Ende zu leiden?


Normalerweise würde ich jetzt sagen, dass wir uns einfach mal den hippokratischen Eid anschauen sollte, wie dieser denn dazu steht, doch das führt zu folgenden Problemen:

 

Zum einen wird der hippokratische Eid von den Ärzten nicht abgegeben und diese haben auch keine Pflicht diesen einzuhalten, da er keine Rechtswirkung hat.


Zum anderen steht in diesem Eid (dessen Ursprung nicht wirklich klar ist), dass man als Arzt niemandem Gift verabreicht, der darum bittet, auch eine Beratung wird untersagt. Gleichzeitig steht auch darin, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht durchgeführt werden dürfen oder auch Operationen.


Wie gesagt, dieser Eid ist rechtlich nicht bindend, jedoch wird er gerne in ethischen Diskussionen mit einbezogen.


Ein weiterer Punkt der beachtet werden sollte, wenn man sich auf den Eid bezieht ist die Zeit. Ein Eid der vor über 2000 Jahren geleistet wurde, hatte gesellschaftlich eine ganz andere Funktion, als er heute hat, da auch die Gesellschaft sich ändert.


Ansichten, Moral und Ethik sind immer im Wandel der Zeit. Was vor 150 Jahren noch unmoralisch oder unethisch gewesen ist, muss es heute nicht auch noch sein.

Anders herum: Etwas was früher vielleicht als positiv angesehen wurde, ist es vielleicht heute nicht mehr.


Also kann man sich an dem Eid auch nicht wirklich aufhalten. Vielleicht ja an christlichen Wertvorstellungen?

Die sind aber auch schon ganz schön alt und die Übersetzungen und Wiederübersetzungen und Wiederwiederübersetzungen sind auch nicht das Gelbe vom Ei.


Man könnte natürlich den Versuch wagen.

Da wäre dann „Du sollst nicht morden“ (das Wort „töten“ findet sich erst bei neueren Übersetzungen, so wie ich das herausgelesen habe). Stellt sich mir die Frage in wie fern das Wort „morden“ negativer behaftet ist, gegenüber „töten“. Vielleicht geht es nur mir so, aber für mich hat das Wort „morden“ noch den Touch des „ich mache etwas aus Gier oder aufgrund böser Absichten“.


(Im altgermanischen stand es für die absichtliche, heimliche Tötung. Es bedeutete aber auch Tod.) Verwandtschaften mit außergemanischen Sprachen, wie z.B. dem Lateinischen mori „sterben“, mortuus „Tod“. Man sieht, dass das alles wenig weiterhilft und nur Wortklauberei ist.


Aber das ist natürlich nur ein subjektiver Eindruck und da kommen wir zu der Problematik von Übersetzungen, sie bringen immer etwas subjektives mit sich.

Das konnte man auch schon im meinem Beitrag über den Koran und dessen Übersetzung lesen, wo die ersten Übersetzungen eher negativ ausfielen und eigentlich etwas anderes sagten, als es heutige Übersetzungen tun.


In dem Sinne kommt man also auch nicht wirklich weiter; egal ob es morden oder töten heißt, jegliche Übersetzung ist subjektiv und damit eigentlich schon hinfällig – zumal man sich wie gesagt, auch nicht immer unbedingt an Wortlauten festmachen sollte.


Wir sehen also, dass Moral und Ethik im Wandel sind, religiöse Gebote auch nicht wirklich weiterhelfen, vor allem dann nicht, wenn Kirche und Staat getrennt agieren sollten.

Soll heißen, wenn der Staat sagt, dass er getrennt von der Kirche ist, dieser dann nicht nach kirchlichen Grundsätzen handeln kann, sondern muss dafür eigene Regeln aufstellen. Dies geschieht normalerweise in Form von Gesetzen.


Doch stellt sich mir die Frage, wie der Staat entscheiden will, was ethisch und moralisch vertretbar ist. Würde man das Volk befragen, dann würde sicher etwas anderes herauskommen, als es manchmal bestimmt wird.


Und was ist mit der mündigen Selbstbestimmung? Wenn man mir sagt, ich wäre ein mündiger Bürger, der sich seines Verstandes bedient, dann muss ich auch gänzlich Entscheidungen treffen können über mein Leben und Ableben.


Liege ich also seit Jahren als Schmerzpatient im Bett herum, ohne dass mir wirklich geholfen werden kann und ich werde fast wahnsinnig dieser Schmerzen, dann sollte ich das Recht haben, entscheiden zu können, ob ich diesem schweren Leiden ein Ende setze oder nicht.

So lange ich geistig dazu in der Lage bin, sollte man mir das nicht verwehren, denn jemanden leiden zu lassen, nur aufgrund der eigenen Überzeugung, könnte man als unmoralisch und sogar sadistisch bezeichnen.


Natürlich sollte man dann aber auch die Individualität des Arztes nicht vergessen, wenn dieser eine Tötung auf Wunsch nicht durchführen kann, weil er sich dabei in einem ethischen Dilemma wiederfindet, dann darf dieser auch nicht gezwungen werden.


Es wird immer von einer freien Gesellschaft und einem freien Willen gesprochen und von Vernunft, doch gleichzeitig wird weniger vernünftig gehandelt, als es eigentlich zu erwarten ist.


Anstatt die Regeln mit denen wir leben, an die neuen Umstände anzupassen, wird ständig versucht die Regeln auf ältere Regeln draufzudeckeln. Potentiell auch auf Regeln, die über 2000 Jahre alt sind. Dass sich aber der Mensch und die Gesellschaft in einem steten Wandel befinden, wird dabei oftmals außer acht gelassen.


Gerade bei einem Thema, bei dem es um die Selbstbestimmung des Lebens geht, sollte doch wohl mit Bedacht herangegangen werden und man sich nicht von der Vernunft entfernen.


Daher kann man sagen, dass mit dem obigen Gesetzesentwurf ein Rückschritt getätigt wurde. Der mündige und vernunftbegabte Bürger hat somit weniger das Recht über sein Lebensende zu bestimmen, sondern muss jetzt damit hadern einen Arzt zu finden, der dieses Vorhaben nicht geschäftsmäßig macht – was ziemlich schwierig sein wird, weil bis dato nicht geklärt ist, was geschäftsmäßig sein soll und was nicht.


Alles in Allem ein Thema über das man weitaus länger hätte diskutieren müssen, anstatt einfach ein Gesetz zu verabschieden, welches, wie so oft, unausgegoren und viel zu allgemein gehalten ist.


Man könnte sagen, dass es sich dabei um einen schwarzen Tag handelt, was die Selbstbestimmung des Menschen angeht.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0