Interview mit Piero Masztalerz

Vor einiger Zeit hatte ich das Vergnügen Piero Masztalerz interviewen zu dürfen.

Für die, die ihn nicht kennen sollten, stelle ich ihn noch einmal kurz vor.

 

Piero Masztalerz ist ein Cartoonist und Stand-up Comedian, der bspw. auch die Cartoons für Frühstück bei Stefanie beisteuerte. Er hat schon einige Bücher herausgebracht und postet auch auf Facebook fleißig seine neusten Cartoonideen.

Seine Cartoons können dabei in die Bereiche des mahnenden, absurden oder auch sehr schwarzen Humors hineinreichen.

 

Wer mehr über Pieros Arbeiten erfahren möchte, kann dies auf seiner Homepage www.schoenescheisse.de.

 

Doch nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen des Interviews.

 


Piero Masztalerz - www.schoenescheisse.de


Wie bist du zum Zeichnen und zum Karikieren in deiner jetzigen Form gekommen?

Meine jetzige Form, mein jetziger Stil hat sich durch jahrelanges Zeichnen entwickelt. Das geschieht oft unbewusst. Man zeichnet eine bestimmte Nasenform und denkt, die passt aber gut und behält es bei. Jede dieser bewussten oder unbewussten Entscheidungen formen am Ende den Stil. Auch meine markante Oberlippe ist so entstanden. Irgendwann war sie da. Das funktioniert gut, man kann da prima Zähne dran aufhängen und irgendwie sehen die Leute ja auch so aus!

 

Dabei muss ich an Sartre denken, der ja der Ansicht war, dass sich der Mensch selbst schafft, das heißt, auch sich in seiner Arbeit schafft und verwirklicht. Würdest du sagen, dass dich dein Stil mitgeprägt hat, also du beispielsweise bestimmte Grenzen aktiver überschritten hast bzw. überschreiten konntest?

Ich glaube, es gibt nicht wenige Medizinstudenten, die bei ihrer ersten OP ohnmächtig wurden und Jahre später, während sie im geöffneten Bauchraum an Gedärmen zerren, fröhlich Sepultura-Songs vor sich herpfeifen.

Also ja, um einen Witz zu verbessern, muss man sich überlegen, wie man das Thema auf die Spitze treibt. Man denkt also immer in Superlativen, bzw. in Superkatastrophen. Wenn sich jemand den Arm gebrochen hat und dir davon erzählt, denkst du nicht: „Ach, der Ärmste!“ sondern, „Warum kein Hodenkrebs?“, aber man sagt natürlich: „Ach, du Ärmster!“.

Man entwickelt sich emotional einfach weiter. Teilweise so weit, das andere sagen: “Emotionsloses Arschloch!“. Bloß, weil man gedanklich schon viel weiter ist...

 

Was hat dich inspiriert diesen Weg zu gehen, der für einen Cartoonisten sicherlich nicht unbedingt einfach ist?

Inspiriert hat mich ganz einfach die Tatsache, dass ich mit Zeichnungen pointiert auf Ereignisse reagieren kann. Das fing in der Schule mit den Lehrern an, die ich durch meine Zeichnungen quasi „in der Hand“ hatte und ist noch heute so, wenn ich auf tagesaktuelle Themen reagiere.

 

Also du hattest weniger ein direktes Vorbild als Inspiration, sondern deine Intention war eher das Ausdrücken können, zu bestimmten Themen oder Geschehnissen?

Gezeichnet hab ich ja schon immer und der unterdrückende Lehrer war der Auslöser.

Später, als mir dann bewusst wurde: “Ich zeichne ja Comics (oder Cartoons).“ Hab ich mich natürlich umgeschaut und verschiedenste Vorbilder gehabt: Gary Larson, Walter Moers, Ralf König.

 

Da du ja sehr kritisch oder gesellschaftskritisch bist, würde mich interessieren, ob du einen philosophischen Hintergrund oder dich mit diesem Bereich beschäftigt hast?

Wenn überhaupt, dann den Humanismus. Und ich bin gegen jegliche Form der Unterdrückung und Unfreiheit.

 

Das spiegelt sich dann auch in deinen Werken wider, wo du ja auch gerne mal auf die Thematik der Doppelzüngigkeit hinweist; also der Mensch hat eine strikte Meinung zu etwas, agiert jedoch nicht besser. Wie z. B. In deinem Cartoon über Tierquälerei, wo das Gespräch zweier Kollegen im Schlachthaus stattfindet. Würdest du sagen, dass diese Art der Engstirnigkeit mitunter ein Grund ist, für die immer wieder auftretende Unterdrückung und Unfreiheit?

Ach, Unterdrückung und Unfreiheit kann der Mensch auch noch aus ganz anderen Motiven hervorrufen. Da ist er sehr kreativ.

 

Deine Form der Kritik und Gesellschaftskritik übst du u.a. in Form von Cartoons und Karikaturen, denkst du, dass man mit dieser Art der Kritik den Menschen einfacher dazu bringt über bestimmte Themen und Probleme nachzudenken und möglicherweise auch sein eigenes Handeln zu überdenken?

Wer hat heutzutage noch Zeit über die vielen Themen, die im täglichen Datenstrom auf ihn einprasseln nachzudenken? Ein Cartoon kann durch seine Pointe bestimmte Themen herausheben und wenn er richtig gut ist, vielleicht wirklich zum Nachdenken anregen. Ich freue mich aber schon, wenn mir einfach ein guter Gag gelingt und andere ihren Kaffee über die Tastatur spucken.

 

Aber manchmal bist du, wenn ich dir das jetzt mal unterstellen darf, doch gerne auch etwas albern; wenn ich mir mal den Touretto-Saurus-Rex so anschaue, dann bestärkt das meine Vermutung doch ein wenig. Ist übrigens mein indianisches Totem-Tier (*grinst*)

Albern? Das wäre ja auch schlimm, wenn nicht! Aber es gibt durchaus Leute, die betrachten Humor als eine sehr ernste Sache, was es auch ist, aber die sind so ernst, dass sie gar nicht mehr lachen können.

 

Ist eigentlich schade, wenn jemand vielleicht auch gerade humoristisch arbeitet, im Endeffekt aber selbst kaum darüber oder über anderes lachen kann, weil er es so ernst nimmt. Denkst du, dass könnte auch mit einem zwanghaften „Ich muss seriös wirken, auch wenn ich Comedian etc. bin“ zu tun haben? In der Philosophie habe ich z.B. oft das Gefühl, dass man seriös wirken muss, damit man ernst genommen wird, selbst wenn man gut ist, in dem was man macht.

Meine Seite hieß vor knapp 15 Jahren „comicpiero.de“ und war in neonpink mit vielen Buttons und Flächen, die gequietscht und geklingelt haben, wenn man nur darüber strich. Wild und lustig sozusagen. Irgendwann wollte ich dann wohl seriös wirken und die Seite wurde schwarz, alles wild blinkende Geklingel verschwand und als Intromusik gab es ein kurzes Metal-Sample. Die Seite war jetzt so lustig und albern, wie die neue Platte von Slayer oder Motörhead..

Damit mir das nicht noch mal passiert, heißt die Seite jetzt „schoenescheisse.de“ – mit dem Namen kann man sich gar nicht so ernsthaft wichtig nehmen. Mein persönliches Mahnmal.

Aber ich verstehe den Wunsch nach Ernsthaftigkeit. Gerade wenn man sich die niedrigen Cartoonhonorare anguckt: „Ach, sie malen Witzbilder? Und davon kann man leben?“ Wir alle wissen, welche Macht gezeichnete Bilder haben können und nicht selten sind sie das Titelmotiv auf Tageszeitungen. Komplexe aktuelle Themen pointiert auf ein Bild zu reduzieren ist eine nicht zu unterschätzende Kunst, gerade wenn sie auch sehr witzig ist. Trotzdem wird in den meisten Fällen nicht viel dafür bezahlt.

 

Du kritisierst in deinen Cartoons oft die Kirche, bezieht sich das für dich eher auf die Institution der Kirche oder geht es für dich dabei auch um Kritik an der religiösen Strömung als solcher?

Ich bin gegen jede Form von Religion. In den Anfängen der Menschheitsgeschichte hat sie vielleicht mal Sinn gemacht, um Gemeinschaften zu bilden und im positiven Sinne zu kontrollieren oder auch um Handelsrouten sicherer zu machen. Aber mittlerweile sehe ich nur Unterdrückung, Ausbeutung und geistige Unfreiheit durch Religion. Ich bin nicht gegen Spiritualität oder den Versuch, das Dasein zu begreifen. Aber dann bleibe ich doch lieber bei der Philosophie.

 

In letzter Zeit kommt eine Zeugin Jehovas zu mir und wir unterhalten uns. Sie freut sich, dass ihr mal nicht einer die Tür vor der Nase zuknallt und mir macht es auch Spaß. Sie zeigt mir passende Bibelzitate und ich ihr, wo der Wachturm Blödsinn schreibt. Bei ihr, aber auch schon in katholischen Foren, wo ich lange Zeit mitgelesen und diskutiert habe fiel mir auf: Es gibt schon fast einen Zwang alles auf Jesus, die Bibel oder eben Gott zurückzuführen. Das ist mir zu simpel. Ja, es stehen gute Sachen in der Bibel, aber in der Brigitte stehen auch gute Sachen (und weitaus weniger schlimme, wie im alten Testament). Man muss keiner Religion anhängen, um ein guter Mensch zu sein. Trost findet man auch woanders und Freiheit von Gott bedeutet nicht, dass man sofort zum Amokläufer wird.

 

Bei deiner Aussage ist mir sofort Kant eingefallen, der schrieb in einem seiner Aufsätze: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Ich denke, der Dialog ist immer ein wichtiges Kriterium, das heißt, dass sich der Gläubige auch vernünftig mit sich und seiner Religion auseinandersetzt, so wie man sein eigenes Verhalten stets selbstkritisch im Auge haben sollte. Denkst du, dass viele Gläubige, nach Kant, dahingehend doch eher unmündig sind, weil sie sich von bestimmten Vorgaben nicht loslösen?

Ich finde es gut, Dinge zu hinterfragen. Dazu gehört auch die Religion. Warum ist das so? Könnte es auch anders sein? Und welche Konsequenzen hat das? Und was bedeutet das für mich? Wenn sich Leute hinstellen und sagen: „Das war schon immer so!“ oder einfach etwas grundlos behaupten, empfinde ich das schon als Herausforderung. Und wenn dem dann ganz viele Menschen, wie hypnotisierte Lemminge hinterherlaufen, dann freue ich mich über viele neue Cartoonideen.

 

Du sprichst immer wieder sehr kritische Themen in deinen Werken an, die für einige manchmal dann doch ein Schritt zu viel des Guten sind. Die Kommentare deiner „Follower“ kann man bei Facebook sehr gut verfolgen; manchmal erkennt man, wie amüsiert sie sind und manchmal sagen sie dir, wie geschmacklos genau dieser Cartoon ist und dass du es übertrieben hast. Du bist jedoch jemand, der auf diese Kommentare reagiert und versuchst zu erklären, was du genau gemeint hast, worauf du hinweisen wolltest. Denkst du, dass Satire alles darf, sie jedoch sich auch die Zeit nehmen sollte zu erklären?

Wenn man einen Witz erklären muss, dann funktioniert er nicht. Aber meine Seite auf Facebook ist ja manchmal auch ein Blick hinter die Kulissen, etwa wenn ich die merkwürdigen Cartoons poste, die ich geträumt habe. Oder andere Reaktionen oder lustige Begebenheiten im Zusammenhang mit meiner Arbeit. Und manchmal erkläre ich auch den einen oder anderen Gag, weil das Humorverständnis teilweise sehr rudimentär ist. Ich hatte mal bei einer Signierstunde eine Mutter, die sich die einfachsten Gags von ihrer Tochter erklären lassen musste und sie dann immer noch nicht verstanden hat. Das kann aber ein generelles Problem sein, den gezeichneten Witz nicht umsetzen zu können, aber oft ist es auch ein Zweifeln, ob man darüber überhaupt lachen darf, z.B. über ein sprechendes Krebsgeschwür. Ich habe mal im Kino laut losgelacht, bei dem Film Reservoir Dogs von Tarantino, wo einer Geisel das Ohr abgeschnitten wurde. Die Situation empfand ich so absurd, dass ich lachen musste. Und dafür ist Lachen ja auch da, es gleicht kognitive Dissonanzen aus.

 

Als Stand-up Comedian hast du es etwas leichter, du kannst Geschichten erzählen, die Leute folgen dir und auf einmal befindest du dich in einer Gegend, geistig gesprochen, wo du nie hingehen würdest, auf einmal erkennst du rassistisches Gedankengut bei dir selber. Ein Meister dieser Kunst ist Louis C.K. mit seinem „mild racism“ oder dem „or maybe..“-Bit. Cartoons nehmen dich nicht zärtlich an die Hand, Cartoons hauen dir die ganze Scheiße direkt in die Fresse im besten Fall. Und als professioneller Cartoonist beschäftigst du dich jeden Tag mit Grenzüberschreitungen, da ist es klar, dass manche Gags auf ungeübte Augen verstörend wirken. Aber ich kann nur empfehlen: Erst lachen, dann denken! Und das meine ich nicht überheblich! Aber vieles, was uns heutzutage im Fernsehen als Hochkomik verkauft wird, ist alberner Klamauk. Da werden nur selten lustvoll Tabus gebrochen, eher setzt sich einer einen lustigen Hut auf oder schielt in die Kamera und die Leute lachen los. Oder es werden alltägliche Dinge erzählt, ohne Höhen und Tiefen, ohne wirklichen Witz und fertig ist die Stadion-Tour. Man kann den Komikern, die damit Hallen füllen nicht wirklich einen Vorwurf machen. Aber ich denke immer, das ist verschenktes Potential. Humor kann viel mehr. Wie oben erwähnt, bei Louis C.K., auf einmal bemerkst du Dinge an dir, die du vorher nicht gesehen hast und im besten Fall ändert sich was.

 

Erst lachen, dann denken!“ gefällt mir, denn manchmal gibt es wirklich Situationen, die einem so absurd und bizarr vorkommen, dass man lachen muss, was ein anderer wieder nicht nachvollziehen kann. Erst später findet man die Möglichkeit darüber nachzudenken und es noch weiter wirken zu lassen. Kamen später schon einmal Personen auf dich zu, die dir persönlich erzählt haben, dass sich bei ihnen bspw. die Sichtweise auf ein Thema geändert hat, nachdem sie dich Live erlebt oder einen Cartoon von dir gesehen haben?

Kommt vor. Sie sind dann aber eher irritiert, dass ich gewisse Dinge so oder so sehe, obwohl sie mich ganz anders eingeschätzt hatten. Und dann denken sie vielleicht darüber nach.

 

Wie würdest du den Begriff des Glücks für dich definieren?

Ich bin glücklich, wenn meine Kinder um mich herum sind, sie mich aber in Ruhe zeichnen lassen...

 

Gibt es noch irgendetwas, was du loswerden oder sagen möchtest? Alles kann, nichts muss.

Alles kann, nichts muss? Mein Lieblingsmotto aus dem Swingerclub! Das ist doch ein schönes Schlusswort.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0