Sind wir nach dem Tod immer noch wir selbst?

Zugegeben, die Frage ist eigentlich eine Fangfrage, denn wir wissen nicht wirklich, ob nach dem Tod etwas mit uns (damit soll der geistige Teil gemeint sein) passiert oder es nur ein Hoffnungsglaube ist, an den wir uns klammern, damit wir nicht die absolute Sinnlosigkeit unserer Existenz erkennen.

 

 

 

Doch spätestens seit Frankensteins Monster, aber auch schon davor, stellten sich einige Menschen die Frage, wie es sich wohl damit verhält, wenn jemand stirbt und man ihn nach einiger Zeit wieder ins Leben zurückholt.

 

 

 

Die Erlaubnis für diese Forschung erhielt nun eine Einrichtung im Norden Indiens. Sie haben offiziell die Erlaubnis hirntote Menschen wieder ins Leben zurückzuholen, so ein Artikel vom Philosophie Magazin.

 

Die Wissenschaftler erhoffen sich durch die Stimulation der Nerven eine Regeneration des Hirnstamms herbeizuführen. Im selben Augenblick wird versucht der Teil des Gehirns, der für die Steuerung des Gehirns zuständig ist und gleichzeitig auch vermutlich Sitz des moralischen Empfindens sein soll, durch Stammzellen eine Erneuerung der Neuronen zu schaffen.

 

 


Vermutet werden zwei Ergebnisse dieses Experimentes:

 

1.   Der Hirnstamm wird reanimiert, jedoch bleibt der betroffene in einer Art Koma.

 

2. Das ganze Gehirn wird wiederbelebt.

 

Der Haken an Punkt 2 ist, dass sich durch die Erneuerung der Neuronen das gesamte Gehirn selbst löschen würde. Der Mensch würde dann nicht mehr wissen wer er ist und wer er war. Alle Erinnerungen oder Dinge die gelernt wurden wären fort.

 

Dieser Mensch wäre eine völlig andere Person und dahingehend treten ethische Fragen und Probleme auf.

 

Zum einen: Ich weiß nicht mehr wer ich bin, noch wer ich war. Mein Ich kann mich nicht mehr darüber definieren, was ich getan oder nicht getan habe.

 

Ein ähnliches Problem der Definition gab es bspw. schon in der Vergangenheit in der Rechtsprechung, wenn jemand durch eine retrograde Amnesie seine Persönlichkeit verlor, ob diese Person dann immer noch dieselbe ist und für seine Vergehen verurteilt werden kann oder eben nicht.

 

Der Körper ist noch immer der gleiche, aber der Geist kann ein völlig anderer sein, da eben die Erfahrungen, die ihn mit ausmachten, verschwunden sind. Dahingehend stellt sich die Frage, ob man jemanden verurteilen kann, der er gar nicht mehr (geistig) ist. Wir definieren uns mitunter über unseren Geist und nicht das rein körperliche.

 

Ein weiterer Aspekt ist, dass wenn das Gehirn gelöscht und neu gebildet wird, ich jemand anderes bin. Doch sind diejenigen, die einem nahstehen sozusagen die Hüter meiner Vergangenheit, sie kennen mich noch als die Person, die ich war.

 

Also ist mein Gedächtnis nicht nur auf mich beschränkt und auf das, was ich von mir selbst weiß, sondern auch auf die Menschen bezogen, die etwas über mich wissen. Diese beiden Teile der Erinnerung stehen in Verbindung zueinander.

 

Das birgt aber auch das Problem, dass eben jene Menschen einen Anspruch auf die alte-neue Person gelten lassen möchten, da sie Teil der Vergangenheit und des Menschen, den sie kannten, sind.

 

Doch lässt sich daraus umgehend eine moralische Schlussfolgerung ziehen?

 

Auch wenn es sich dabei (noch) um ein Gedankenexperiment handelt, sind die Folgen noch gar nicht abzusehen. Wir wissen nicht, wie der Mensch sich verhält oder wie sein Gehirn sich entwickelt, sollte es sich erneuern.

 

Es wäre ja auch möglich, dass es sich zwar erneuert, aber wichtige Bereiche unberührt lässt.

 

Doch gehen wir mal davon aus: Jemand war hirntot und wurde reanimiert. Das Gehirn wurde quasi neugestartet und die Person ist wieder bei vollem Bewusstsein. Sprache und Motorik müssen erst wieder erlernt werden, was jedoch recht schnell geht, da das Gehirn ja „unbenutzt“ ist. Die Person erinnert sich aber nicht daran wer sie ist oder welchen Bezug die anderen Personen zu ihm haben.

 

Man könnte fast sagen, diese Person ist fremd in der Welt, ähnlich einem Baby, das alles neu erlernen und erfahren muss. Aber haben nun die Menschen, die die Vergangenheit mit dieser Person teilen, das Recht sie wieder so zu formen, dass sie ähnlich der vorherigen Person wird?

 

Zum einen würde ich sagen: Ja, das Recht haben sie.

 

Und andererseits bin ich der Meinung, dass sie eben jenes Recht nicht haben.

 

Der erste Punkt richtet sich auf die Sichtweise, dass sie Teil der Vergangenheit sind und die Person oder das ehemalige Gehirn es das auch war. Ebenso die Hülle ist Teil dessen. Aber nach dem Neustart ist es eben nur eine Hülle und vielleicht die genetische Verbundenheit.

 

Bezieht man sich jedoch auf den zweiten Punkt, dann sieht man, auch wenn sie physikalisch Teil einer gemeinsamen Vergangenheit sind, sie nicht das Recht haben, den Versuch zu starten, die Person wieder in ihren alten Ursprung zu versetzen.

 

Diesen Satz sage ich jedoch unter Vorbehalt, da es etwas Anderes wäre, wenn wir technologisch schon so weit wären und unseren Geist zu virtualisieren d.h. auf einem Medium zu speichern und später auch wieder in ein Gehirn übertragen zu können. Damit würde die Person wieder, zumindest theoretisch, in ihren alten Ursprung versetzt werden können. Was aber den Nachteil hätte, dass vielleicht genau das, was zum Hirntot führte (wie bspw. Suizidgedanken, Depressionen) wieder mit in das Gehirn gelangen würde.

 

Man kann sehen, dass es sich dabei um ein sehr schweres Thema handelt und bisher auch nicht abgeschlossen werden kann, weil es einfach zu viele Variablen gibt, die noch nicht eingeschätzt werden können.

 

Dennoch ist es nicht verkehrt, sich einfach mal Gedanken darüber zu machen, denn, wenn wir damit heute schon experimentieren, dann sollten wir uns für morgen überlegen, was denn wohl ist, wenn das Experiment dann glückt und wie es wohl weitergeht.


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