- Riace und die Flüchtlingskrise -

Flüchtlingskrise, da stellen sich mir immer meine Nackenhaare auf, wenn ich dieses Wort höre.

 

Der Artikel in der Abenteuer Philosophie heißt natürlich nicht so, der reißerische Titel oben stammt von mir.

Riace – Wie Flüchtlinge eine Kleinstadt retten“, so der ursprüngliche Titel.

 

Der Name Domenico Lucano wird nur den Wenigsten etwas sagen.

 

Er ist der Bürgermeister von Riace.

Laut der Zeitschrift Fortune ist er auch eine der 50 bedeutendsten Persönlichkeiten der Welt.

Domenico Lucano, Photograph: Oliver Killig, dresdner-friedenspreis.de

 


Ebenso ist er Träger des Dresdner-Friedenspreises (2017).

 

Italien hat schon seit vielen Jahren ein Problem und zwar die Abwanderung in die Städte. Die Jugend sieht auf alten bäuerlichen Dörfern kaum mehr eine Chance für sich und strebt somit nach einem anderen Leben.

Aus diesem Grund kann man Häuser, Schlösser und sogar gesamte Dörfer für recht wenig Geld erwerben. Auf die Haken, die dazu gehören gehe ich jetzt nicht weiter ein, weil das nicht Intention des Artikels sein soll.

 

1997 strandete ein Schiff vor der Küste Riaces und Badolatos (Nachbargemeinde).

Auf dem Schiff befanden sich über 800 Flüchtlinge, vorwiegend Kurden und alle Hilfesuchenden wurden aufgenommen und versorgt.

 

Domenico Lucano arbeitet mit einer Flüchtlingsorganisation zusammen und lädt die Flüchtlinge in sein Dorf ein. Das hat einen Aufschwung in das Dorf gebracht, wie es sich kaum jemand hätte vorstellen können. Restaurants haben wieder geöffnet, es gibt eine Keramikwerkstatt und noch vieles mehr.

 

Den Menschen, die auf der Flucht und in Not waren, wurde nicht nur geholfen, ihnen wurde auch eine Perspektive gegeben.

Das half nicht nur den Flüchtenden, sondern auch dem Dorf und darüber hinaus. Es half sogar den Dörfern im Umkreis von Riace, in denen es wirtschaftlich auch nicht besonders gut aussah. Sie nahmen sich an Riace ein Beispiel und holten sich dort sogar Hilfe, damit dieses Modell übernommen werden konnte.

 

Ich finde das ist ein gutes Beispiel für praktische Philosophie, d.h. Philosophie, die nicht nur am Tisch sitzt und sich etwas überlegt, sondern die dann auch umgesetzt wird.

 

Für Domenico Lucano stand definitiv die Menschlichkeit (ist leider auch in der Philosophie ein eher geflügeltes Wort) im Vordergrund und es scheint ja geklappt zu haben.

 

Anstatt sich, wie man es in vielen Ländern immer wieder in den Medien sehen kann, gegen Flüchtlinge zu wehren, weil man sie in unserer Welt anscheinend als etwas Unangenehmes ansieht, wurden sie eingeladen wieder auf die Beine zu kommen.

 

Wenn sich andere Dörfer und Länder daran orientieren und mit dieser Idee arbeiten und es umsetzen wollen, dann kann es ja nicht ganz so falsch sein, was in Riace passiert. Im Gegenzug sollte sich die Frage gestellt werden, warum es in so vielen anderen Ländern nicht funktioniert und warum den hilfesuchenden Menschen so viel Hass und Feindseligkeit entgegenschlägt.

 

Liegt es wirklich nur an den populistischen Parteien und Hetzern oder steckt vielleicht mehr dahinter?

 

Ich denke, die Fragen die man dahingehend stellen könnte, wären sicher ein Rattenschwanz, ohne dass man zu einem guten Ergebnis käme.

 

Dennoch sollten wir uns immer wieder mal fragen, gerade wenn Diskussionen über Flüchtlinge aufkommen, warum es andernorts klappt und die Menschlichkeit absolut im Vordergrund stehen kann.

 

Viele der damaligen Flüchtlinge sind schon weitergereist, doch einige sind auch geblieben und können nun das weitergeben, was sie selbst bekommen haben: Hoffnung und Hilfe.

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Kommentare: 1
  • #1

    rationaler-diskurs (Sonntag, 09 Juli 2017 23:44)

    Ein wesentliches Element der vom Kapital geprägten westlichen Zivilisation ist die Konkurrenz: "nicht-für-mich" heisst "gegen-dich". Wer sich auf diese Denk- und Verrechnungsweise einlässt und sie als alternativlos einstuft, wird blind für den Zynismus, der den Umgang mit Vertriebenen (sogenannten "Flüchtlingen") derzeit prägt. Die einen lassen die Menschen ins Land, um die eigene Wirtschaft zu fördern; die andern sperren die Menschen aus, um die eigene Wirtschaft zu schützen. In jedem Fall werden die Menschen zum Wirtschaftsfaktor: die Geltung unserer "Werte" im Bezug auf die Vertriebenen orientiert sich an deren (Wirtschafts-)Wert. Unsere "Wertegemeinschaft" (die früher ehrlich als "Leitkultur" bezeichnet wurde) offenbart sich als Angriff auf die Menschenwürde.