Kind sein

- Kind sein -

 

Letztens war ich bei Dr. Eckart von Hirschhausen in einer seiner Vorstellungen. Dort sprach er von fünf Dingen, die unser Leben verlängern (können):

 

- nicht rauchen

- Gemüse essen

- Bewegung

- Kind sein

- im richtigen Moment erwachsen sein

 

Heute möchte ich nicht über alle Punkte sprechen, sondern nur über einen und welcher das ist, wird jeder sicherlich schon an der Überschrift erkannt haben.

 

Es geht mir um das Kind sein.

 

Vor Jahren habe ich mal versucht dieses Thema aufzugreifen und wollte damals den einen oder anderen bekannten Gamer und Moderator für ein Interview gewinnen, was dann aber leider im Sande verlaufen ist (vielleicht war das Denkatorium nicht alt genug oder zu wenig populär - man weiß es nicht).


Dennoch trieb mich das Thema seither noch immer um, da ich selbst oftmals das Gefühl habe, nicht wirklich erwachsen zu werden (und das mit meinen 36 Lenzen).

 

Oftmals wird einem suggeriert, wenn man in ein gewisses Alter kommt, ist man automatisch erwachsen und verhält sich auch eben so. Ähnlich ist es mit dem Verheiratet sein - kurz nachdem man geheiratet hat, stellen automatisch (und das wahrscheinlich in ganz Deutschland) Kollegen, sowie Bekannte (vielleicht auch Freunde) die Frage: „Und wie fühlt man sich als verheirateter Mensch?“

 

Als wäre jetzt im Gehirn ein Schalter umgelegt worden, durch den man sich ganz anders fühlt und verhält, als vor der Hochzeit.

 

Daher konnte ich die Frage bis heute nicht nachvollziehen, weil sie einfach zu merkwürdig daherkommt.

 

Es gibt dafür keine Anleitung wie man sich zu fühlen hat oder fühlen könnte, weder als Erwachsener, noch als verheirateter Mensch.

 

Vor allem, da sich unsere Gesellschaft immer weiter wandelt, ist die Thematik natürlich weitaus komplexer als man denken mag. Wenn ich mir überlege, dass es bis in die 1960er Jahre hauptsächlich so gewesen ist, dass man Rollen vorgegeben bekommen hat - im Sinne, der Vater hat den Arbeitsplatz in Fabrik XY, also wirst du auch in der Fabrik XY anfangen und später den Platz des Vaters einnehmen; außerdem wirst du eine Familie gründen und deinen Eltern Enkel schenken usw.

 

Es war natürlich nicht immer so, aber das Bild, welches man auch durch die Historie vermittelt bekommt sieht ungefähr so aus.

 

Aber eine Frage die sich mir stellt, ist: „Müssen wir heutzutage überhaupt noch Erwachsen werden?“

 

Dies meine ich aber bezogen auf den historischen Kontext.

 

Natürlich muss ich in bestimmten Situationen erwachsen handeln, z.B. kann ich mit dem Auto nicht einfach so tun, als wär‘s ein Bobby-Car oder Autoscooter, sondern muss mich an Regeln halten. Genauso sind Rechnungen zu bezahlen oder die Arbeit zu verrichten.

 

Ich denke mir, so ist auch gewährleistet, dass unsere Gesellschaft in einem gewissen Maß funktioniert.

 

Doch innerhalb der Grenzen, wo wir Individuum sein können, sei es Kleidung, Literatur, Musik, Denken usw. also einen Teil in dem wir uns ausleben können - ob wir dort diese „Rolle des Erwachsenen“ unbedingt ausfüllen müssen oder haben wir uns gesellschaftlich vielleicht schon in die Richtung bewegt, dass man das vielleicht bis zu seinem Lebensende gar nicht mehr muss?

 

Wenn ich mit 50 noch immer bedruckte Shirts trage und Armeehosen (ich mag sie einfach, auf Grund der Farbe und Taschen), würde mir wahrscheinlich gesagt werden, ich solle mich meinem Alter entsprechend verhalten. Doch war ich zuvor noch nicht in dem Alter, woher soll ich wissen, wie ich mich da verhalten soll, außer so, wie ich es für angemessen halte?

 

Darf man ab einem gewissen Alter keine Comics mehr lesen?

 

Keine Videospiele mehr spielen?

 

Nicht ab und an der reellen Welt entfliehen, die einen zwingt Job ABC auszuführen, weil man eben auf das Geld angewiesen ist?

 

Natürlich könnte man als Gegenargument hervorbringen, dass man sich ja nur die Arbeit suchen müsste, die einem Spaß macht. Ist natürlich leichter gesagt als getan, denn zum einen verlieren sich viele Menschen in der Vielfalt der Möglichkeiten und zum anderen erkennen viele ihre Fähigkeiten gar nicht erst, weil sie sich selbst gefangenhalten in ihrer Rolle, die sie in der Arbeitswelt einnehmen.

 

Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass nicht alles was man gerne macht, auch finanziell honoriert wird bzw. man sich keine Gedanken um das Finanzielle machen muss.

 

Ich nehme mich mal als Beispiel: Ich liebe es diesen Blog zu führen, meine philosophischen (vielleicht auch manchmal sportlichen) Gedanken zu teilen, nachzudenken, Dinge zu überdenken, Podcasts vorzubereiten, philosophische Bücher zu lesen oder derartige Filme zu sehen und darüber zu berichten.

 

Für den einen oder anderen wird es manchmal vielleicht zu wenig auf die klassische Philosophie bezogen sein, aber allen Recht machen kann man es nie - das ist auch nicht meine Aufgabe.

 

Aber beruflich, könnte ich das so nicht machen, weil es eben nichts finanzielles abwirft, sondern eher noch Kosten verursacht.

 

Das bedeutet zwar, dass ich meine Fähigkeiten ausleben, aber nicht davon leben kann. Ich kann also nur bedingt Kind sein und das Argument, dass man sich nur die passende Arbeit suchen müsste, ist dahingehend haltlos.

 

Vermutlich haben wir den Punkt überwunden, dass wir nicht mehr die Rollen unserer Eltern oder Großeltern übernehmen müssen, sondern uns immer mehr individualistisch ausleben können; eben auch beim Kind-Sein. Wir müssen nicht mehr ab einem gewissen Alter plötzlich erwachsen sein und können diese Rolle nie wieder verlassen, sondern können noch immer Kind sein, wenn wir das möchten.

 

Jetzt wird sich der eine oder andere fragen (der es bis hier geschafft hat) „was faselt der da eigentlich - wo will er hin?“

 

Die Philosophie ist auch, das Staunen über die Welt - das Schauen durch Kinderaugen.

 

Wenn wir nicht mehr innerlich Kind sein können, wie wollen wir dann Philosophie betreiben? Lohnt es sich dann überhaupt noch Philosophie zu betreiben?

 

Außerdem hält Kind zu sein jung, das bedeutet, man kann länger philosophieren ;)

 

Wie seht ihr für euch das Kind-Sein? Lebt ihr das aus? Könnt ihr es ausleben oder würdet ihr sagen, das ist nur unnötiger Schnick-Schnack?

 

Schreibt mir dazu eure Gedanken in die Kommentare, per Mail, per Flaschenpost, wie ihr mögt :)

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