Generation Schneeflocke?

Vor einigen Wochen habe ich diesen Ausdruck in einer Diskussion benutzt, weil in mir der Gedanke aufkam, dass sich Teile unserer Gesellschaft ständig wegen irgendwas auf den Schlips getreten fühlt.

 

Man muss politisch korrekt sein, selbst als Kabarettist darf man sich zum Teil schon nicht mehr extrem kritisch oder überspitzt äußern, weil die Leute es nicht versuchen zu verstehen, sondern sich umgehend in eine Opferrolle begeben (siehe z.B. Serdar Somuncu).

 

Man darf nichts mehr hassen, sondern muss alles und jeden mögen und hat das Gefühl, dass man nicht einmal mehr Misanthrop sein darf, obgleich seiner Minderheit.

 

Interessanterweise hat diese Thematik die derzeitige Ausgabe vom Philosophie Magazin aufgegriffen (als hätten sie meine Gedanken gelesen).


„Das sensible Selbst“

lautet das Titelthema und stellt zugleich die Frage „Sind wir zu empfindlich?“

 

Diese Frage ist absolut berechtigt, angesichts der Tatsache, dass jeder nicht nur seine Rechte einfordert, sondern sich gefühlt jeder, angegriffen fühlt.

 

Seine Rechte einzufordern ist legitim, gar keine Frage. Viele kleine Gruppen oder auch Gruppen, die man für klein hielt, die aber weitaus größer zu sein scheinen, sollten in die Öffentlichkeit treten können, ohne dass sie umgehend diskriminiert oder benachteiligt werden.

 

Das Philosophie Magazin greift dieses Thema auf mehrfache Weise auf. Ein großes Dossier leitet dazu mit verschiedenen Gedanken darüber, ein.

Eine kleine Genealogie zeigt mit fünf historischen Positionen zur Sensibilität auf, wie z.B. Thomas von Aquin über das körperlich/geistige dachte.

Interessant sind danach folgenden Fragestellungen, bezogen auf das sensible Selbst, bei denen immer eine „Ja“ und „Nein“ Sicht dargestellt wird.

 

Zumal wir uns genau immer mindestens diese beiden Seiten selbst ansehen sollten, bevor wir mit unserem Urteil loslegen.

 

Als Beispiel sehe ich da die derzeitige Diskussionskultur im Internet oder auch außerhalb dessen.

Oft handelt es sich gar nicht mehr um richtige Diskussionen, sondern macht eher den Eindruck, als müsse man Recht haben und wenn kritische Fragen gestellt werden, wird der Diskussionspartner als dumm oder Feind des Themas oder gar der Gesellschaft hingestellt.

 

So funktionieren Diskussionen aber nicht. Einerseits möchten wir gehört werden, in einer Welt, in der jeder zu allem etwas sagen kann, aber auf der anderen Seite wollen wir nicht, dass jemand seine kritische Meinung äußert, wiederum gleichzeitig verlangen wir selbst aber, dass man alles sagen können darf - zumindest einige sollten es dürfen, wenn sie eine Minderheit und kein potentieller Nazi ist.

Dass wir uns damit auf Dauer selbst ein Bein stellen, sehen wir noch gar nicht,

weil wir so damit beschäftigt sind unsere Meinung kund zu tun, weil wir ja zu allem eine haben.

 

Anstatt dem Gegenüber und seinen kritischen Fragen und Gedanken zuzuhören, wirken zu lassen und darüber nachzudenken, gehen wir sofort zu einem Gegenangriff vor, wenn derjenige nicht unserer Meinung ist.

 

Wer sich seiner selbst und seines sensiblen Selbst heute vielleicht bewusster ist, als wir es vor fünf oder zehn Jahren waren, nimmt dahingehend vielleicht auch eine andere Position ein. Eine Position in der man zwar sensibel, aber auch gleichzeitig angriffslustig ist, weil man sich in seiner Rolle bestärkt fühlt.

 

Diese Rolle hängt dann und wann auch mit der Opferrolle zusammen, was das Ganze noch schwieriger macht; denn nehme ich diese ein, bin ich, auch wenn ich umgehend zurückschieße, immer noch die angegriffene Person.

Das wirkt auf den ersten Blick immer etwas absurd. Überlegt man aber genauer, so fällt auf, dass wenn ich mich in diese Opferrolle begebe, ich eine Position der Minderheit einnehme, ich also mehr gehört werden muss; gleichzeitig habe ich das Recht aggressiv meine Position zu verteidigen, weil ich eben eine Minderheit darstelle.

 

Das ist natürlich nicht immer der Fall, aber die Rolle des Opfers ist ein Stilmittel, welches sich gut nutzen lässt.

 

Mit diesem Beispiel sollen verständlicherweise Menschen, die wirklich in dieses Schema der Unterdrückung fallen, nicht relativiert werden.

 

Jedoch sollten wir manchmal vielleicht wieder versuchen mehr zuzuhören, mehr nachzudenken, mehr wirken zu lassen, mehr verstehen zu wollen, anstatt auf biegen und brechen der Rechthaberei hinterher zu eifern oder sich sofort angegriffen zu fühlen.

 

Denn auch wenn unser Selbst vielleicht sensibler geworden ist und wir die Möglichkeit haben uns zu äußern wie wir wollen, so sollten wir immer im Hinterkopf behalten, dass es bei dieser Art der Diskussionskultur - bei einer egozentrischen Kultur des Seins, auch immer eine Kehrseite gibt, welche sich immer mehr zu offenbaren scheint.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0