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Klima des Dialogs

Vor einigen Jahren ist mir schon aufgefallen und wird damals sicherlich auch anderen schon aufgefallen sein, dass das Klima im Internet rauer wurde.

 

Dialoge wurden barscher geführt und man merkte, wie sich eine Atmosphäre entwickelte, welche den Eindruck machte, dass es vielmehr um Anfeindung, als wirklichen Dialog ging.

 

Nun, einige Jahre später, erkennt man, dass es damals wirklich in diese Richtung ging. Schon fast extremistisch kämpfen links gegen rechts, unten gegen oben, Gläubige gegen anders- oder nicht Gläubige.

 

Wir haben uns in eine Kultur der Anfeindung und der Schuldzuweisung begeben. Anstatt, dass wir versuchen den anderen zu verstehen und seine Beweggründe auszuarbeiten, damit wir ein besseres Verständnis dem Gegenüber und seinen Ideen und Handlungen entwickeln, feinden wir uns automatisch an.

 

Das Gegenüber ist nicht meiner Meinung? Dann ist er Feind, weil er falsch liegt und ich recht habe.

Quelle: erzählmirnix


„Either you are with us, or you are with the terrorists.“

- George W. Bush, 2001 -

Das ließ Bush damals auf einer Pressekonferenz verlauten und negierte damit die Möglichkeit einer neutralen Position. Doch genau diese neutrale Position macht es uns erst möglich den anderen verstehen zu können.

 

Habe ich schon eine vorgefertigte Meinung und bin in dieser gefangen, ohne die Optionen und Gedanken des anderen zuzulassen, schränke ich mich nicht nur ein, sondern gebe dem anderen gar nicht die Möglichkeit dieses vorgefertigte Bild zu ändern.

 

Vor einigen Monaten retweetete ich einen Beitrag eines Journalisten (oder so jemandem in der Art). Dazu kommentierte ich etwas, das sich auf den Ursprungstweet bezog. Der Journalist blockte mich sofort, obgleich ich seiner Meinung war, er dies aber auffasste, als würde ich gegen ihn schießen.

 

Doch anstatt mich zu fragen „Hey du, sag mal wie meinst du das denn?“ wurde sofort dem Möglichen Dialog ein Riegel vorgeschoben. Ich stand sofort auf der Seite der Terroristen, wenn man es nach der Äußerung von Bush interpretiert - ohne wenn und aber.

 

Gerade im Zeitalter des Internets, obgleich der großen Dialogmöglichkeit, nutzen wir den Dialog nicht mehr. Der Philosoph Alain Finkielkraut bezeichnete damals das Internet (welches noch in den Anfängen lag) und deren Nutzer, in seinem Buch „Verlust der Menschlichkeit“, als eine Art engelsgleiche Wesen, da über alle Grenzen hinweg miteinander kommuniziert werden könne und zudem Wissen für alle Menschen verfügbar wäre.

 

Die Vorstellung fand ich, als ich sie damals las, sehr nett, vielleicht etwas zu romantisch.

 

Zugegebenermaßen, das war sie auch. Aber wie so oft, fehlte der menschliche Faktor bei dieser Rechnung.

 

Gerade, da sich das menschliche Verhalten zu immer mehr Individualismus und Ausdruck dessen hinbewegt hat, ist es schwierig den Menschen noch als engelgleiches Wesen zu sehen.

 

Wir empören uns ständig und über alles. Wir sind unzufrieden, weil einfach andere Menschen ihr Leben leben und alleine das gefällt uns nicht.

 

Ein anderer ist zufrieden, lebt aber nicht so wie ich? Da muss ich mich empören und es demjenigen und anderen, am besten umgehend, auf´s Brot schmieren, weil es ja nicht sein kann, dass jemand in unseren Zeiten unbeschwert und glücklich sein Leben lebt. Wir haben doch alle zu leiden, warum der nicht?

 

Da steckt doch irgendetwas hinter. Auch der hat seine Leichen im Keller und weil mir das nicht passt, wie er sein Dasein verbringt, werde ich diese Leichen ausgraben und notfalls welche erschaffen, von denen er noch gar nichts weiß...

 

So ungefähr sieht es aus, wenn Menschen über prominente Beiträge und andere Menschen herfallen und ihnen etwas andichten wollen.

 

Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle und wahrscheinlich werde ich nicht alle erfassen können, weil es dabei zu tief in die Psychologie geht und ich mit diesem Artikel auch immer nur begrenzte Möglichkeiten habe.

 

Zum einen haben wir den Neid, dass es einer anderen Person erst einmal prinzipiell gut oder besser geht als mir selbst. Durch die Herabsetzung des Anderen fühle ich mich besser bzw. sehe mich als etwas besseres. Ich versuche mich außergewöhnlicher zu machen, als ich in meiner kleinen Welt vielleicht bin.

 

Zum anderen will ich, weil ich mich selbst für das ultimativ Gute halte, dass alle anderen meine Lebensart zum Standard annehmen. Für mich, in meiner absoluten Welt, ist genau jenes das Nonplusultra und alles was nicht so ist, ist der Feind und muss bekämpft werden, weil sonst die eigene Welt nicht bestehen kann.

 

Gleichzeitig ist eine gewisse Geltungssucht dabei zu verzeichnen, denn wenn mir das Leben und Verhalten anderer erst einmal prinzipiell egal ist (so lange sie mir nichts tun und sie nicht gegen Gesetze verstoßen, die wir in unserer Gesellschaft haben), dann habe ich auch nicht den Drang mich über sie stellen oder damit glänzen zu wollen, dass ich etwas über sie herausgefunden habe.

 

Aber wahrscheinlich funktionieren auch Klatschblätter dahingehend so gut, weil man von jemandem gehört hat, der die Katze von jemandem kannte, die ein Cousin von jemandem war, der mal in der Straßenbahn davon gehört hat, dass es jemanden gab der....

 

Auch, wenn auf den ersten Blick nicht ersichtlich, hängt dieses Reden über jemanden, mit der sich ausbreitenden Dialogunfähigkeit zusammen. Mir ist wohl bewusst, dass es das „Reden über den Anderen“ auch schon vorher gab, doch die Art hat sich gewandelt.

 

Ein sicherlich auch noch bestimmender Faktor ist, dass es Menschen gibt, deren Leben nicht wirklich besonders ist, was daran liegt, dass sie nichts besonderes daraus machen. Der obige Faktor des Neids spielt hierbei eine verstärkende Rolle, da mir nicht nur mein Leben unbedeutend vorkommt, sondern es mich grämt, dass ein anderer ein Leben lebt, wie ich es gerne hätte. Doch anstatt an seinen Fähigkeiten und seinem eigenen Leben zu arbeiten, wird die Energie benutzt, um die andere Person zu diskreditieren.

 

„Ob XY wirklich so ein Experte ist? Na ich weiß ja nicht... Nur weil man ein Studium abgeschlossen hat, ist man ja noch lange kein Experte. ICH habe da viel mehr Erfahrung! Weil bei YouTube habe ich gesehen, dass...“

„You’re gonna have people criticize you. Nobody criticizes losers. Nobody’s jealous of losers. Nobody talks shit on losers. People worry so much about what other people think, if some Joe Shmoe off the street doesn’t fucking like me then fuck you.“

- Bodybuilder, derzeit Unbekannt (wird nachgetragen, wenn bekannt) -

Oft werden solche Sprüche von Bodybuildern belächelt, doch meist bringen sie es auf den Punkt. Jemand der sein Leben (für sich erfolgreich) lebt, jemand der in sich zufrieden ist, weil er seiner Leidenschaft nachgehen kann und darauf fokussiert ist, der wird sich (meist) nicht darum scheren, dass da einer ist, der einem das nicht gönnt. Natürlich sieht das anders aus, wenn es dann ab einem gewissen Punkt um rechtliche Dinge bzw. persönliche Schädigung geht.

 

Selbstverständlich ist mir klar, dass die Worte „loser“ oder „Erfolg“ diskutabel sind. Aber mir geht es hier erst einmal nur um den Grundgedanken.

 

Wenn mir mal darüber nachdenken: Wie oft kam es vor, dass jemand der zufrieden mit seinem Leben ist, es erfüllt lebt, von sich aus sagt: „Der Obdachlose, der da ständig durch mein Viertel streift, hat bestimmt seine Frau geschlagen und auf Arbeit, als er sie noch hatte, hat er wahrscheinlich geklaut. Vielleicht war er sogar im Gefängnis. Passiert ihm recht so.“

 

Anstatt uns ständig über alles und jeden zu empören, unter dem Deckmantel des angeblichen Dialogs, sollten wir anfangen uns wieder auf uns selbst besinnen und vor unserer eigenen Türe kehren. Dann kommen wir vielleicht auch mal auf den Gedanken, dass der andere Gründe haben könnte, warum er sagt was er sagt. Genau an diesem Punkt sollten wir versuchen wieder in einen kreativen und positiven Dialog einzusteigen, anstatt umgehend auf Konfrontation aus zu sein.

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