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Absolutistische Diskussionskultur

Vor einiger Zeit merkte ich hier an, dass mir ein weiterer Artikel in der Abenteuer Philosophie sehr gefiel und zwar jener über Corona.

 

Mir ist bewusst, dass ich dieses Thema lange ausgespart habe und gleichzeitig, dass es schon fast zum Alltag gehört. Ebenso hatte ich ganz am Anfang einen Artikel über Corona geschrieben, ihn jedoch verworfen, weil ich mir nicht sicher war, in welche Richtung diese ganze Geschichte verläuft; zudem hatte ich meiner Meinung nach zu wenig Daten, um mir ein Urteil bilden zu können.


Warum mir der Artikel gefällt, ist, weil er sich kritisch mit der Thematik auseinandersetzt. Nicht, was das Virus als solches angeht, sondern vielmehr, dass darauf hingewiesen wird, dass man als Philosoph die Pflicht hat, etwas kritisch zu hinterfragen.

 

Kritisch zu hinterfragen bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass man umgehend etwas verneint oder leugnet. Es bedeutet, dass man sich mit der Thematik und der Vorgehensweise auseinandersetzt und versucht deren Sinn oder Unsinn zu verstehen, sie zu kritisieren oder bessere Lösungsansätze vorzuschlagen.

 

Das bedeutet auch, dass man andere, kritische Stimmen zu Wort kommen lassen muss. In diesem Falle sind es unter anderem Ken Jebsen (KenFM) und Prof. Bhakdi.

 

Für die, die umgehend „Schwurbel“ sehen: nicht zu voreilig. Zwar ist ersterer durch eine Menge seltsamer Äußerungen auf- und vielleicht auch schon durchgefallen, jedoch heißt das nicht, dass man ihm nicht zuhören sollte oder er sich nicht äußern darf.

 

Es steht natürlich jedem frei, wem er zuhören, wessen Texte lesen oder Videos er sehen möchte, das steht außer Frage. Dennoch hat sich unsere Diskussionskultur in der Art verändert, dass wir viele Dinge gar nicht erst einmal mehr zulassen, damit wir sie aufnehmen und verstehen können.

 

Wir haben uns, besonders durch die sozialen Medien, wie in der Dokumentation „Das Dilemma der sozialen Medien“ (Netflix), viele kleine Realitäten geschaffen, welche für uns absolut sind. Von Außen kommende Dinge werden oftmals durch die sozialen Medien eh schon vorsortiert oder spätestens, wenn der jeweilige Gedanke nicht in die Realität des Einzelnen passt, von ihm selbst aussortiert.

 

Die große Problematik dabei ist, dass wir gar nicht merken, wie wir uns diese kleine Realitäten oder Filterblasen schaffen und zum anderen, dass wir eigentlich nur ein Spielball in einem größeren Spiel sind, was wir ebenso wenig merken.

 

Jetzt könnte man sagen „Aber die anderen interessieren sich doch gar nicht für die Fakten“ oder „Die Fakten stimmen gar nicht, weil…“. Da kommt unsere Vernunft ins Spiel.

Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören.

Kurt Tucholsky

Nehmen wir mal die Coronathematik: Gerade am Anfang wussten wir extrem wenig darüber und durch immer weitere Experimente und Studien kann man sich einem Ergebnis annähern. Zwischendurch waren einige Theorien falsch, wurden widerlegt und später noch einmal verbessert.

 

So funktioniert Wissenschaft. Selbst die Wissenschaftler nehmen sich des Themas kritisch an, denn würden sie es nicht, hätte man bei allem was sie machen eine 50 – 50 Chance und dann wäre es eben keine Wissenschaft sondern ein Ratespiel, soll heißen: reine Vermutung.

 

Philosophen müssen sich kritisch äußern und auch andere Meinungen zulassen; eine andere Meinung muss ja nicht übernommen werden. Aber gerade wenn man sich kritisch äußern will, muss man andere Meinungen aufnehmen und versuchen zu verstehen.

 

Besonders bei unseren sozialen Medien es jedoch dazu gekommen, dass wir andere Meinungen schnell ablehnen; sie zum Teil sogar absolutistisch verneinen. Das wird mitunter an der Art der Kommunikation zu tun haben. Die Sätze müssen kurz und leicht verständlich sein. Niemand nimmt sich die Zeit und liest lange Artikel, sondern wir wollen Überschriften sehen und glauben daher, dass wir wissen worum es in dem Artikel geht. Der eine oder andere wird vielleicht noch die Zusammenfassung lesen, die unter der Überschrift steht, für mehr reicht es dann aber oft nicht (These: mitunter ein Grund warum Foren aussterben).

 

Früher hat man große Artikel in Zeitungen gelesen oder auch in Internetforen zu einem Thema diskutiert, was dann in große Texte ausarten konnte. Heute will man nur noch Recht haben und seine eigene Realität verteidigen, weil diese absolut und unumstößlich ist. Gleichzeitig sieht man diese Realität auch in Gefahr, da es Feinde der eigenen Realität gibt, die da draußen nur warten anzugreifen. Durch diese angebliche Gefahr wird die eigene Realität mitunter verstärkt.

 

Man muss sich also bewusst werden, wenn man wieder zu einer vernünftigen Diskussion übergehen möchte, was die Ursache für die eigene Filterblase und somit die Art der Diskussionsführung, ist.

 

Als ich in meiner späten Jugend das Internet für mich entdeckte, gab es in ganz vielen Foren noch etwas, das nannte sich „Netiquette“ – also eine Mischung aus „Net“ (von: Internet) und Etiquette (von: Etikette). Es handelt sich dabei um Regeln für soziales Kommunikationsverhalten im Internet bzw. in dem Falle im jeweiligen Forum. Diese konnten in ihrer Art unterschiedlich ausfallen, jedoch ihre Basis war meist die gleiche.

 

Seit die großen sozialen Medien Einzug gehalten haben, werden die Benutzer auch nicht mehr aktiv auf diese Netiquette hingewiesen, sondern müssen nur noch AGB bestätigen. Für viele Nutzer existieren diese Verhaltensregeln überhaupt nicht, was sich dann dementsprechend auch in der Kommunikationsart äußert.

 

Ein Satz ist mir aus der damaligen Netiquette eines Forums noch im Gedächtnis hängen geblieben, weil ich ihn für sehr gehaltvoll ersehe.

 

„Überprüfe nochmals das was du geschrieben hast, denn dein Text und so wie er veröffentlicht wird, ist deine Visitenkarte.“

 

Bis heute sehe ich jegliche Texte, als solch eine Visitenkarte an und da ist es egal ob in Foren, auf meinem Blog oder in allen anderen Medien. Dabei geht es weniger um eine Selbstdarstellung, sondern darum, zu zeigen, wie sehr man bereit ist eine Diskussion zu führen. Umgekehrt kann man die Texte anderer dann auch als eine solche Visitenkarte sehen.

 

Wir sollten versuchen uns darauf zu besinnen, dass wir zum einen nicht anonym im Internet sind, auch wenn wir uns das immer wieder einreden.

 

Ebenso sollten wir einen offenen Verstand nutzen, um Diskussionen nicht im Keim ersticken zu wollen, durch unser rechthaberisches Ego, sondern mit Vernunft zuhören und sich Zeit dafür nehmen, was der andere zu sagen hat, denn oftmals ist der Ursprung einer vielleicht wahnhaften Idee eine ganz andere Intention. Aber um diese zu erahnen oder zu verstehen, muss man eben erst zuhören.

 

Außerdem sollten wir immer im Hinterkopf behalten, dass unsere Äußerungen im Internet die Visitenkarte unserer Person, unseres Charakters ist.

 

Nicht zu vergessen ist es erlaubt sich kritisch zu äußern. Das darf jeder. Nur sollte man sich selbst immer wieder hinterfragen, wie viel Hintergrundwissen ist denn schon überhaupt vorhanden, dass man sich kritisch äußern kann? (Ich gehe hier bewusst nicht auf den Dunning-Kruger Effekt ein)

 

Nur weil ich ein Zitat von Fichte gelesen habe, heißt das noch lange nicht, dass ich mich unbedingt dazu kritisch äußern sollte, so lange ich sein zitiertes Werk nicht kenne oder ihn überhaupt verstehe.

 

Das ist etwas worauf die sozialen Medien nämlich immer wieder psychologisch anstoßen: Eine emotionale Reaktion.

 

Sei es durch Überschriften, durch Bilder oder kurze, eingeblendete Kommentare.

 

Daher, wie früher Peter Lustig in der Sendung Löwenzahn immer sagte:

Einfach mal wieder abschalten

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