Kulturelle Aneignung 
Kulturelle Aneignung 

Kulturelle Aneignung 

Schon ein oder zwei Mal habe ich angefangen einen Artikel über dieses Thema zu schreiben, sie jedoch immer wieder verworfen, weil ich mir dachte, dass es das Thema nicht wert sei und sicherlich bald wieder vom Erdboden verschwinden würde. Zumal ich ja nicht in der Soziologie zu Hause bin. 

Doch falsch gedacht. Immer wieder lese ich kleine und größere Vorfälle, bei denen es um dieses Thema geht. Mal hat jemand mit weißer Hautfarbe Dreadlocks, jemand spielt die falsche Musik, trägt die falsche Kleidung usw. 

Daher habe ich mich entschieden doch auf dieses kontroverse Thema einzugehen. 

Inhaltsverzeichnis

Kulturelle Aneignung, was ist das eigentlich?

Um zu verstehen, worüber wir da eigentlich sprechen, sollten wir uns vorab zumindest grob damit befassen, worum es bei kultureller Aneignung eigentlich geht. 

Dieser Begriff wurde in den 1970er und 1980er Jahren in den Cultural Studies geprägt. Sie beschreibt im Groben die Übernahme von kulturellen Ausdrucksformen oder Artefakten, deren Geschichte, Wissensformen von Trägern einer anderen Kultur oder Identitäten. 

Meist wird darunter verstanden, dass jemand aus einer “dominanten Kultur” sich kulturelle Elemente einer “Minderheitskultur” aneignet, ohne deren Genehmigung, Anerkennung oder Entschädigung in einen anderen Kontext stellen. 

Der Kommunikationswissenschaftler Richard A. Rogers unterscheidet dabei vier Arten der kulturellen Aneignung: 

  1. Kultureller Austausch 
  1. Kulturelle Dominanz (im Sinne der Assimilation einer anderen Kultur) 
  1. Kulturelle Ausnutzung (Aneignung der kulturellen Elemente, ohne Erlaubnis oder Kompensation) 
  1. Transkulturation (also kulturelle Elemente, deren Wurzeln nicht mehr klar zugeordnet werden können) 
Ein weißer Traumfänger der Anishinabe, der heute größten indigenen Ethnie Nordamerikas. Hier spielt die kulturelle Aneignung bis heute eine große Rolle

Bei kultureller Aneignung schwebt vielfach auch der Gedanke mit, dass übernommene Elemente zur Ware gemacht und somit trivialisiert werden würden. 

Außerdem können damit auch schnell Stereotypen gefördert werden, die so überhaupt nicht der Realität entsprechen. Hinzu kommt, dass es sogar so weit gehen kann, dass die wirtschaftliche Betätigung von Ethnien beeinträchtigt werden kann, durch die äußere Kommerzialisierung. 

Hingegen kultureller Austausch basiert auf Respekt und Wertschätzung des Gegenübers und dessen kultureller Wurzeln. Es ist sozusagen ein gegenseitiges Kennenlernen. 

Es gibt also verschiedene Abstufungen dieses Konzepts und was auch bedeutet, dass die Hintergründe, wenn jemand etwas als Kleidung trägt oder bspw. Symbolik benutzt, ganz unterschiedliche sein können, jedoch kennen wir die meistens nicht. 

Beispiele kultureller Aneignung

Man kann es auf Frisuren, Kleidung, Symbolik, Sprache oder Kunst anwenden. 

Der Schwerpunkt liegt dabei nicht immer in der kommerziellen Nutzung, sondern generell im Übernehmen der kulturellen Anteile.  

Malcom Ohanwe, deutscher Journalist, Fernsehmoderator und Übersetzer kritisiert bspw. das Tragen von Dreadlocks bei weißen Menschen. Hingegen als positiv Beispiel verweist er dabei auf den Musiker Gentleman an, der jamaikanische Musik macht, jedoch keine Dreadlocks trägt und somit seinen Respekt vor der Kultur zum Ausdruck bringen würde. 

Besonders die kulturelle Übernahme im kommerziellen Sinn wird stark kritisiert. 

Vertreter dominanter Kulturen übernehmen Güter von Minderheiten und vermarkten diese, ohne, dass die finanziellen Gewinne bei den Urhebern ankommen. Gleichzeitig haben die traditionellen Künstler meist nicht die Ressourcen, wie sie jene haben, die Billigvarianten erzeugen und somit die eigentlichen Urheber vom Markt drängen. 

Auch die angesprochene Stereotypisierung spielt eine große Rolle. 

Gerne ausgedrückt durch Figuren oder Kostüme, werden bestimmte Kulturen in Schubladen gesteckt und so nicht nur vereinfacht, sondern auch potentiell trivialisiert, weil Bilder uns Stimmungen geformt werden. 

Als Beispiel sei hier das Indianerkostüm genannt, welches gerne zu Fasching/Karneval getragen wird und somit den Eindruck macht, als gäbe es eine einheitliche Indianerkultur, was aber eben nicht der Fall ist. Sondern es gab mehrere hundert Stämme mit ganz eigenen Kulturen und Traditionen. 

Auch in Film und Fernsehen wurden oft Kulturen oder Minderheiten von weißen Schauspielern verkörpert. Dabei wurden dann nicht nur Stereotype der Kultur benutzt, sondern sie wurden auch übertrieben oder lächerlich dargestellt. 

Die jeweiligen Kulturen hatten dabei keinerlei Einflussmöglichkeiten auf die Darstellung als solches. 

Was über die Jahre auch ein bekannterer Begriff wurde, ist das so genannte “Whitewashing” durch Hollywood-Produktionsfirmen. Hierbei werden Filme oder Konzepte aus anderen Ländern übernommen und meist durch weiße Schauspieler ersetzt z.B. in Dragon Ball Evolution (2009), Prince of Persia (2010) Ghost in the Shell (2017), Death Note (2017) und nicht zu vergessen in den 1960er Jahren Frühstück bei Tiffany, wo Mickey Rooney die Rolle des Mr. Yunioshi spielte. 

Bei letzterem Film wurde darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser Darstellung des japanischen Nachbarn um die wahrscheinlich rassistischste und schlimmste Darstellung eines Asiaten in der ganzen Filmgeschichte handelt.  

Oder auch damals in den 1970er Jahren, als David Carradine die Rolle für die Fernsehserie Kung Fu erhielt und nicht Bruce Lee, weil dieser einen zu asiatischen Eindruck auf die weißen Zuschauer machen könnte. 

Aber auch die Ausstellung verschiedener Plastiken und Artefakte in Museen wird kritisiert, denn diese würden völlig aus ihrem Kontext gerissen und nur ihre Ästhetik bewertet werden, ohne eine Erklärung des kulturellen Hintergrundes. 

Wie sich das auswirkt kann man bspw. auch daran erkennen, dass immer wieder so getan wird, als wäre Afrika ein Land, mit einer Sprache und einer Kultur, was aber eben völlig falsch ist. 

Die verschiedenen Völker und Stämme werden als Stereotyp verpackt und als eine Einheit verkauft, ohne auf deren kulturelle Unterschiede überhaupt einzugehen. 

Kritik am Konzept der kulturellen Aneignung

In diesem Fall bin ich etwas zwiegespalten, denn einerseits ist es einfach so, dass sich Kulturen gegenseitig beeinflussen, gerade in unserer globalisierten Welt. 

Das was wir derzeit in Deutschland erleben ist aber vielmehr mit dem extremistischen Feminismus, den ja noch einige verfolgen, zu vergleichen. 

Schaue ich mir die Äußerung von Ohanwe an, dann bin ich eben nicht seiner Meinung, denn er suggeriert, dass Dreadlocks oder “Filzlocken” nur einer kleinen Gruppe zu tragen erlaubt sei, dabei kommen diese sogar schon in den hinduistischen Vedaschriften vor.  Wurden von amerikanischen Ureinwohnern oder auch von Anhängern des Sufismus getragen. 

Es ist also klar zu sehen, dass diese Art der Frisur nicht an einer Kultur festgemacht werden kann, sondern in vielen vorkommt.  

Anders würde es aussehen, wenn jemand mit heller Haut das ganze kulturelle Konzept einer Ethnie übernimmt und daraus seinen Profit zieht, obwohl er mit dieser Kultur nichts zu tun hat. 

Gleichzeitig darf man jedoch auch nicht vergessen, dass eine Aneignung auch ein Ausdruck von Wertschätzung sein kann. Als ich Kind war ich ständig von verschiedenen Kulturen umgeben, aber auch jenen die diese Kultur teilweise übernommen hatten, eben weil man zusammenlebte und nicht weil man daraus einen Vorteil ziehen wollte. 

Früher nannte man solche Menschen eben auch weltoffen und offen für andere Kulturen. 

Ebenso sind die Kulturen und Lebensweisen auf unserer Welt so vielfältig, dass es bei bestimmten Dingen sogar ziemlich schwer nachvollziehbar ist, woher es im Ursprung stammt, also wo dessen Wurzeln liegen. Das bedeutet auch, dass bei bestimmten Dingen niemand einen absoluten Anspruch auf etwas legen kann. 

Kultur ist etwas Dynamisches, etwas sich Veränderndes, genau wie die Sprache sich ändert, ändert sich auch die Kultur und mit ihr jene, die sie benutzen. 

Sieht man die Kultur als etwas Starres, als etwas Einheitliches, dann begrenzt man die Kultur und ihre Möglichkeiten. Doch nicht nur das, eigentlich ist diese Art des Denkens vermehrt in Gebieten der rechten Ideologie zu finden, denn in deren Wahrnehmung dürfen zwar fremde Kulturen existieren, sie dürfen sich aber nicht vermischen. 

Es hat etwas von einer “kulturellen Reinheit” und da verlaufen sich einige in ihren extremen Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat. 

Gleichzeitig wird der Gedanke geprägt, dass es etwas Ahistorisches geben würde, also etwas was nur einer Ethnie vorbehalten wäre zu nutzen und alle anderen automatisch ausschließt. 

Die Idee der kulturellen Aneignung verkennt dabei, dass es schon seit tausenden von Jahren kulturelle Vermischungen gibt, was eine gewisse Weltfremdheit nicht abstreiten lässt. 

Bei dieser Diskussion wird viel zu wenig differenziert, sondern argumentatorisch nur noch mit dem Vorschlaghammer gearbeitet, anstatt sich auf seine Vernunft zu berufen. Es wird nicht mehr unterschieden ob jemand sich kulturell etwas aneignet, weil er daraus Profit schlagen will oder ob es sich um eine kulturelle Geste, ohne Profitgedanken handelt. 

Gleichzeitig wohnt dieser Art des Denkens ein feindseliger Aspekt inne. Der Aspekt der Unfreiheit.  

Einzelne Menschen haben nach dieser Denkweise nicht mehr die Möglichkeit sich einer Gruppe oder einer Kultur zu entziehen und eine andere anzunehmen. Der einzelne Mensch wird durch diese Ideologie entmündigt und hat nicht die Berechtigung frei zu entscheiden. 

Man merkt also, dass bestimmte Ideen der kulturellen Aneignung in eine völlig falsche Richtung gehen und das ganze Konzept eine zumindest ambivalente Haltung einnimmt. 

Wie damit aber nun umgehen?

Asiatische Frau aus Myanmar, wo bis heute ethnische Minderheiten gegen die Zentralregierung kämpfen

Nachdem wir gesehen haben, dass diese Idee einerseits einen fanatischen und absolutistischen Charakter hat, der in sich selbst starr ist und eine kulturelle Vermischung zwar nicht völlig verneint, aber zumindest ablehnt, stellt sich die Frage, wie man mit dieser Idee umzugehen hat. 

Was klar auf der Hand liegt ist, dass sehr kritisch damit umgegangen werden sollte, wenn der Verdacht naheliegt, dass eine Kultur einfach nur ausgebeutet wird. Hier sei auf das Beispiel des Whitewashings verwiesen. 

Gleichzeitig kann man diese Idee der kulturellen Aneignung nicht alleine auf den “weißen Mann” ausrichten, wie es aber oftmals gerne getan wird. 

Zudem können wir nicht einfach ständig Musiker oder andere Künstler von Festivals ausladen, weil sie die falsche Frisur haben oder die falsche Kleidung tragen und sich eine Hand voll Leute denkt, dass sie die Idee der Aneignung zu etwas Absolutem erklären müssen. 

Denn gehen wir von einem kulturellen Absolutismus aus, dann dürften auch nur bestimmte Völker, bestimmte Religionen oder Philosophien annehmen. 

Als Deutscher (oder weißer, alter Mann) hätte ich dann gar nicht die Möglichkeit mich dem Daoismus zuzuwenden, denn schließlich ist das nicht meine Philosophie, sondern die der chinesischen Kultur. Ich weiß, jetzt kommt der Hinweis, dass ich dafür ja kein Geld nehmen würde – was aber wenn doch? Was, wenn ich plötzlich als daoistischer Priester Geld für meine Dienste, als Spenden annehmen würde? Oder gar Bücher über den Daoismus schreibe? Dann hätte wahrscheinlich wieder jemand etwas zu beklagen. 

Ich dürfte mich dann höchstens mit der westlichen Philosophie beschäftigen, weil es sich dabei um den Kulturkreis handelt, in den ich hineingeboren wurde. 

Gleichwohl bin ich dafür, dass wenn wirklich klar wird, das bspw. Chanel einen Bumerang für viel Geld (2000 $) verkauft und somit dieses Symbol der Aborigines einfach als Geldmacherei benutzt, anstatt damit aufzuklären und den Gewinn in die Hilfe des Naturvolkes zu stecken, hier wirklich von kultureller Aneignung gesprochen werden sollte. 

Dieses oben angesprochene Differenzieren ist ein wichtiges Merkmal, damit wir bei diesem Konzept nicht an ein Extrem verfallen, was so gesellschaftlich und kulturell nicht funktioniert.  

Uns sollte klar sein, dass wir uns auf einem Planeten befinden, der so reichhaltig und faszinierend ist, dass Menschen eben auch von anderen Kulturen lernen und sich inspirieren lassen. 

Es ist gar nicht möglich sich nicht mit anderen Kulturen zu vermischen, das ist ein ganz natürlicher Prozess. Wer sich aber nun ständig auf dieses Konzept beruft, der wird auf Dauer nicht nur nicht glücklich, sondern findet sich schnell in einem absoluten Extrem wieder, dass Kulturen nicht vermischt werden dürfen und jegliche Vermischung nur aus Profitgier geschehen könne. 

Gerade die extremen Vertreter der kulturellen Aneignung sollte das eigene Konzept hinterfragen. Gleichwohl sollten wir alle zwischendurch mal einen Schritt zurückgehen und uns anschauen, wie wir unsere Welt gestalten.  

Ist das Indianerkostüm für ein Kind angemessen?  

Kann ich dem Kind vielleicht die unterschiedlichen Kulturen der amerikanischen Ureinwohner näherbringen und erklären, dass die Darstellungen in den Filmen nicht wirklich dem entsprechen, wie sie es vorgeben? 

Muss ich dann meinem Kind alles verbieten, bei dem ich vermute, dass eine Aneignung dahintersteckt? 

Vielleicht sollten wir anstatt ständig mit dem Finger auf andere zu zeigen und rumzumeckern, einfach bei uns anfangen, ein besseres Gespür für die Welt um uns herum zu erlangen. 

Habt ihr euch schon einmal näher mit dem Thema beschäftigt? 

Seht ihr das anders und denkt ich bin hierbei auf einem falschen Weg? 

Schreibt mir eure Gedanken unten in die Kommentare! 

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